Berlin (dpa) - Im Internet entsteht ein neuer Typ von Öffentlichkeit. «Es ist die Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts, wie die Architektur dieser Kommunikationsräume gestaltet wird», sagt der Hamburger Medienwissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt.

Auf die Suche nach Antworten haben sich rund 3000 Netzbewohner begeben, die am Mittwoch zur Konferenz re:publica in Berlin zusammengekommen sind. Um sich deutlicher zu Gehör zu bringen, haben einige der Blogger, Twitterer und Nerds zum Auftakt der Konferenz einen eigenen Verein gegründet, die Digitale Gesellschaft.

Es gehe darum, «eine Interessenvertretung für eine bessere und klügere Netzpolitik zu schaffen» und «effektiver für digitale Bürgerrechte einzutreten», sagte der Initiator und Mitveranstalter der re:publica, Markus Beckedahl zum Auftakt der dreitägigen Konferenz. «Wir haben viele Fragen an die Politik», heißt es auf der Webseite des Projekts. «Warum werden Freiheitsrechte immer abgebaut? Warum gibt es nicht überall Netz? Warum gibt die GEZ nicht ein Prozent der Gebühren für das Internet?»

Auf die Schlüsselfrage nach der Gestaltung der Kommunikationsräume gibt der Verein die allgemeine Antwort, dass diese offen und frei sein sollen. Bei der Einrichtung im Detail gehen die Meinungen unter den Teilnehmern der re:publica aber weit auseinander. Während die einen wie Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC) vor den «Datenfressern» warnen, hat ein Teil der Szene, der sich unter dem Schlagwort «Post-Privacy» formiert, den klassischen Datenschutz schon für überholt erklärt - wenn alles ganz transparent und öffentlich sei, so die These, gebe es auch keinen Grund mehr für Ausgrenzung und Diskriminierung.

Jan-Hinrik Schmidt, der am Hans-Bredow-Institut in Hamburg für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation zuständig ist, konstatiert zumindest eine Tendenz zum Kontrollverlust - sowohl auf Seiten der politischen Akteure und der traditionellen Medien als auch auf Seiten der Internet-Nutzer. Wer in einem Sozialen Netzwerk wie Facebook über persönliche Befindlichkeiten schreibe, richte sich dabei an seine Freunde und Kontakte. Das tatsächliche Publikum aber könne weit darüber hinausreichen, erklärte Schmidt am Vorabend der Konferenz auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung. Daher sei es nötig, den immer noch hilfreichen Begriff der informationellen Selbstbestimmung zu aktualisieren.

In welche Richtung das geschehen soll, ist eines der Themen auf der re:publica mit ihren 169 Vorträgen und Workshops im Berliner Friedrichstadtpalast und in der benachbarten Kalkscheune. «Unser Ziel ist es, über gesellschaftliche Fragestellungen zu diskutieren, zu denen sich der Rest der Gesellschaft noch keine Gedanken gemacht hat», sagt Beckedahl, dessen Blog netzpolitik.org die re:publica zusammen mit dem Blog Spreeblick ausrichtet. «Viele Fragen, die wir in den Vorjahren aufgeworfen haben, kommen jetzt erst allmählich in den öffentlichen Diskurs.» Die re:publica ist damit eine Art Navi für die digitale Gesellschaft - Einbahnstraßen und Sackgassen sind allerdings nicht immer sofort zu erkennen.

In einem der ersten Vorträge der re:publica widmete sich die Anthropologin Gabriella Coleman von der Universität Princeton im US-Staat New Jersey der Hacker-Bewegung Anonymous. Mit Methoden der «teilnehmenden Beobachtung» hat sie Informationen über die ansonsten kaum bekannten Strukturen dieser Gruppe gesammelt. Anonymous wurde mit Aktionen gegen Scientology bekannt, griff mit Attacken gegen PayPal und Mastercard in die Wikileaks-Debatte ein und unterstützte zuletzt die Aufstandsbewegungen in Tunesien oder Ägypten. In einer oft nur auf eigene Selbstdarstellung bezogenen Internet-Szene sei die Anonymous-Bewegung «eine Schnittstelle für Geeks, um politisch aktiv zu werden», sagte Coleman.