Gelsenkirchen (dpa) - Selbst der erfolgsverwöhnte Routinier empfand kindische Freude. Wie ein Jungspund erklomm der 33 Jahre alte Raúl nach dem Schlusspfiff die Tribüne, griff sich ein Megafon und feierte zusammen mit den Schalker Fans den Einzug des FC Schalke 04 in das Champions-League-Halbfinale.

Berauscht vom 2:1 über Inter Mailand verschenkte der Weltstar sein Trikot und ließ sich zu einem der seltenen Versuche hinreißen, sich in der für ihn noch immer fremden deutschen Sprache zu verständigen. «Ich hoffe, die Fans haben mich verstanden», scherzte der Spanier im Anschluss.

Mit dieser Geste avancierte Raúl endgültig zur neuen Kultfigur auf Schalke. Und auch in sportlicher Hinsicht untermauerte er zum wiederholten Mal seine Ausnahmestellung. Der Führungstreffer des Neuzugangs kurz vor der Halbzeit nahm den Italienern die letzte Hoffnung, die 2:5-Schlappe aus dem Hinspiel vergessen machen zu können. Raúl hofft auf eine Fortsetzung des Fußball-Märchens: «Warum sollen wir nicht auch gegen Manchester weiterkommen. Ich träume vom Finale gegen Real», sagte er dem TV-Sender «Sky».

Bereits drei Mal hat «Señor Raúl», wie ihn der Stadionsprecher nach seinem sage und schreibe 71. Champions-League-Treffer feierte, mit Real Madrid die Königsklasse gewonnen. Zuletzt scheiterte er mit den «Königlichen» jedoch sechs Mal in Serie bereits im Achtelfinale. Dass er nun mit einem Club wie dem FC Schalke noch einmal in den erlauchten Kreis des europäischen Fußball-Adels zurückkehrt, empfindet er selbst als außergewöhnlich. «Das ist ein historischer Moment für alle. Für solche Momente bin ich nach Schalke gekommen.»

Der Coup der einstigen Schalker Allmacht Felix Magath, Raúl zum Wechsel aus der spanischen Metropole in die schmucklose Revierstadt zu überreden, hat sich längst bezahlt gemacht. Fünf Tore in der aktuellen Champions-League-Saison und zwölf in der Bundesliga dokumentieren seine Klasse. Von Beginn an erwies sich der Rekordhalter, der in der ewigen Schützenliste des kontinentalen Landesmeister-Wettbewerbs nunmehr fünf Tore vor Bayern-Legende Gerd Müller liegt, als Volltreffer - nicht nur in sportlicher Hinsicht.

Innerhalb des Teams könnte die Wertschätzung kaum größer sein. Mannschaftskollege Christoph Metzelder, der einst zusammen mit Raul bei Real Madrid spielte, geriet nach dem 2:1 gegen Inter ins Schwärmen: «Er kommt aus einer Generation von Fußballern, die langsam ausstirbt. Wie er mit jungen Spielern umgeht, ist phänomenal. Er hat null Starallüren.» Mit Blick auf die Herkulesaufgabe gegen Manchester fügte der Innenverteidiger schmunzelnd hinzu: «Wir müssen hoffen, dass Raúl gesund bleibt.»

Auch bei seinem ehemaligen Club genießt der Angreifer noch immer höchste Wertschätzung. Selbst an der fernen White Hart Lane in London wurde er mit Sprechchören gefeiert - von den Real-Fans. Als sein Treffer zum 1:0 gegen den Titelverteidiger aus Mailand in der Halbzeit des Viertelfinal-Rückspiels der Spanier bei Tottenham Hotspur gezeigt wurde, gab es stürmischen Applaus aus dem Gäste-Block.