Baden-Baden (dpa) - Wie viel Rost verträgt eine alte Liebe? Eine ganze Menge, wenn man dem gleichnamigen Buch von Elke Heidenreich und ihrem früheren Mann Bernd Schroeder glaubt. Am Freitagabend wurde die Bühnenfassung von «Alte Liebe» im Theater Baden-Baden uraufgeführt.

Die Fans von Heidenreichs schnoddrigem Wortwitz kamen bei der Inszenierung von Anja Horst voll auf ihre Kosten: Punktgenau wurde der Zeitgeist der Alt-68er getroffen, den die beiden nun seit 15 Jahren getrennt lebenden Eheleute in dem Buch über ihre gescheiterte Beziehung beschrieben haben.

Auf der Bühne sind es Harry (gespielt von Berth Wesselmann) und Lore (Birgit Bücker), deren Ehe sich im Laufe von vier Jahrzehnten in zwei Hälften aufgelöst hat. Sie leben in ihren eigenen Welten - die Bibliothekarin Lore in der Bücherwelt ihres Wohnzimmers und der pensionierte Architekt Harry mit Weizenbier als ständigem Begleiter in seinem Garten. Das Bühnenbild von Markus Karner setzt diese Welten durch eine steile Wand auf dem Drehteller in Szene.

Während die Inszenierung zu Beginn vor allem von lauten Sound-Effekten dominiert wird, gewinnt sie mit dem Zueinanderfinden von Harry und Lore immer mehr an Kontur. In den Streitszenen, die kein Klischee auslassen und (durchaus gewollt) ein bisschen zwischen Klamauk und Klamotte angesiedelt sind, stehen sich Lores begrabene Lebensträume und Harrys nur scheinbar stoisch ertragene Einsamkeit gegenüber.

In einer Liebesszene nach der Hochzeit ihrer Tochter, als die beiden ihr Alt-68er-Glück neu entdecken, kann Birgit Bücker ihr schauspielerisches Potenzial schließlich voll ausschöpfen. Berth Wesselmann, Alt-Barde im Theater Baden-Baden, berührt in der Schlussszene: Nach dem plötzlichen Herztod von Lore trauert er nicht auf seiner Gartenseite, sondern auf der Wohnzimmer- und Bücherseite seiner «alten Liebe» nach. Der Mix aus Deja-vu-Effekten mit einem Spritzer Sentimentalität bescherte dem Ensemble bei der Uraufführung minutenlangen Applaus.