Berlin (dpa) - Jürgen Trittin erinnert sich gut. Am 1. Mai 1986 feierte er bei Sonnenschein mit Kindern auf dem Göttinger Markt ein Maifest. Doch dann zog die Feuerwehr Proben aus Pfützen. «Kurz darauf wurden Sandkästen und Sportplätze gesperrt.»

Wie nur bei wenigen Ereignissen, meint der Grünen-Fraktionschef, wüssten er und viele andere bei Tschernobyl, was sie am Tag der Nachricht gemacht hätten. Die Explosion im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986, Tage später erreichte die Strahlenwolke auch Deutschland.

Bis heute hat sich der GAU nicht nur tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben. Er wurde auch zum Impuls für die Parteien- und Gesellschaftsgeschichte. 25 Jahre später wirkt die Katastrophe von Fukushima weiter.

1975 in Südbaden. Die Kernkraftwerk Süd GmbH will in Whyl zwei AKW-Blöcke bauen. Gegner besetzen den Bauplatz, müssen der Polizei weichen, kommen zu Zehntausenden wieder - später gibt die Regierung das Aus für Wyhl bekannt. Der friedliche Erfolg der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen gilt als früher Höhepunkt der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung und als eine Wiege der Grünen. Brokdorf, Gorleben und Wackersdorf markieren weitere Brennpunkte des Widerstands - bis Tschernobyl kommt.

Die Nation hängt tagelang am Fernseher - und saugt Empfehlungen zum Unterpflügen von Feldfrüchten oder zum Sperren von Kinderspielplätzen auf. In der Bevölkerung werden die Rufe nach einem Atomausstieg lauter.

Sechs Wochen nach dem GAU gründet die Bundesregierung unter CDU-Kanzler Helmut Kohl das Bundesumweltministerium. Doch bleibt Kohl weiter Atomkraftbefürworter - und so trägt Tschernobyl auch zur Rechts-Links-Polarisierung der Ära Kohl bei. Vor allem für die sechs Jahre zuvor gegründeten Grünen bringen die Schrecken der Katastrophe eine weitere Stärkung. Wovor sie immer gewarnt haben, ist eingetreten. Schon damals sind sie hier besonders glaubhaft. Der Grünen-Politiker Reinhard Loske nennt den «umweltpolitischen Glaubwürdigkeitsverlust der Altparteien» bereits Anfang der 80er als wesentliche Voraussetzung für den Aufstieg seiner Partei.

In der DDR wird Tschernobyl zu einem Signal für stärkeren Anti-Atom-Protest. Vor allem in Kirchenkreisen wächst die Kritik - unter anderem am geplanten AKW-Bau in Stendal.