München/Minsk (dpa) - Der Strahlenmediziner Prof. Edmund Lengfelder fordert, dass die Grenzwerte für Lebensmittel, aber auch für Wasser und Luft in der Umgebung von deutschen Atomkraftwerken drastisch gesenkt werden.

Bis heute stecke als Folge der Atomkatastrophe von Tschernobyl Radioaktivität in Böden und Lebensmitteln, sagte Lengfelder der Nachrichtenagentur dpa. Der Wissenschaftler gründete die Gesellschaft für Strahlenschutz und das Otto Hug Strahleninstitut. Er betreut bis heute Menschen mit Schilddrüsenkrebs in der Katastrophenregion.

Tschernobyl liegt mehr als 1300 Kilometer von Bayern entfernt. Trotzdem wurde der Freistaat stark vom Fallout getroffen. Wie sind denn die gesundheitlichen Folgen bis heute?

Lengfelder: Wir sind in Bayern mit einer Krebsstudie leider nicht weitergekommen, weil es für Bayern kein Krebsregister gibt. Wir sind deshalb nach Tschechien gegangen. Dort gab es weniger Fallout als in Bayern. Zu unserer Überraschung fanden wir da aber dennoch einen hochsignifikanten Anstieg von Schilddrüsenkrebs nach Tschernobyl gerade bei Frauen. Frauen bekommen prinzipiell etwa dreimal häufiger Schilddrüsenkrebs als Männer. Das ist hormonell bedingt.

Sind denn die Folgen von Tschernobyl bis heute in Böden und Lebensmitteln in Deutschland messbar?

Lengfelder: Sauber ist nichts. Tschernobyl ist schon noch da. Wir haben in Bayern besonders belastete Regionen: den Bayerischen Wald, den Oberpfälzer Wald, das Berchtesgadener Land, den südlichen Landkreis Miesbach und ein großes Gebiet westlich von Augsburg. Dort wird weiterhin von den Jagdverbänden festgestellt, dass die Wildschweine, die dort geschossen werden, zum Teil noch sehr hohe Belastungswerte haben und nicht in den Handel kommen dürfen. Auch Pilze können noch hoch belastet sein. Es geht heute fast ausschließlich um das Cäsium 137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Das heißt, wir sind heute noch nicht einmal nach der ersten Halbwertszeit.

Muss man noch aufpassen, was man im Garten anbaut?