Berlin (dpa) - Die uneingeschränkte Öffnung des Arbeitsmarkts für Bürger aus acht östlichen EU-Staaten im Mai ist aus Expertensicht eine Chance für Deutschland.

Die Einwanderer könnten den Aufschwung hierzulande stützen, sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, am Dienstag in Berlin.

Das arbeitgebernahe IW rechnet in den ersten beiden Jahren unterm Strich mit rund 800 000 Zuwanderern. Bis 2020 sollten dann aber lediglich noch 400 000 hinzukommen. Die insgesamt 1,2 Millionen Menschen, gut zwei Prozent der Bevölkerung ihrer Herkunftsländer, könne Deutschland verkraften, sagte Hüther. Die Zuwanderung dürfte sogar einen Beitrag dazu leisten, den Fachkräftemangel zu mildern. Ängste deutscher Arbeitnehmer vor neuer Konkurrenz seien unbegründet.

Nach Einschätzzung des Statistischen Bundesamtes machen gute Bezahlung und viele offene Stellen Deutschland für Arbeitnehmer aus Osteuropa so attraktiv wie fast kein anderes Land in der EU. Den Statistikern zufolge lag das deutsche Verdienstniveau 2008 EU-weit auf Platz fünf. Auch die im EU-Vergleich relativ niedrige Arbeitslosenquote von 7,1 Prozent im Jahr 2010 und der Fachkräftemangel machten Deutschland attraktiv.

Als einer der letzten EU-Staaten öffnet Deutschland am 1. Mai auch für Bürger aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn seinen Arbeitsmarkt vollständig. Sie können dann ohne jede Beschränkung hierzulande eine Arbeit aufnehmen. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, rechnet mit bis zu 140 000 Zuwanderern pro Jahr, wie er vor wenigen Tagen sagte.

Die IW-Studie stützt sich unter anderem auf eine Befragung von 27 000 EU-Bürgern im Auftrag der EU-Kommission aus dem Jahr 2009. Danach wollen 23 Prozent der Einwohner der acht östlichen EU-Staaten irgendwann einmal in einem anderen Land arbeiten. Erfahrungsgemäß setzt nur ein Bruchteil davon die Absicht in die Tat um. Und nicht alle wollen nach Deutschland.

Hüther erinnerte daran, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften dank der guten Konjunktur zumindest in diesem und im kommenden Jahr «erst einmal hoch bleiben» werde. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass Deutschland wegen seiner Altersstruktur auf Zuwanderung angewiesen sei. Eine Zuwanderung von netto 200 000 Menschen jährlich sei wünschenswert. 2008 und 2009 seien sogar mehr Menschen aus Deutschland aus- als eingewandert.