Rotterdam (dpa) - Die «Timo, Timo»-Rufe nahmen kein Ende, die Ahoy-Arena in Rotterdam stand Kopf. Deutschlands Ausnahmekönner Timo Boll hat ein großes Loch in Chinas scheinbar unüberwindbare Tischtennis-Mauer geschlagen und sein großes Ziel verwirklicht.

Im siebten Versuch gelang ihm erstmals bei einer Einzel-WM der Sprung auf das Podest. Rund 8000 Fans feierten den 30 Jahre alten Weltranglisten-Zweiten, der mit einem grandiosen 4:1-Sieg gegen den zweimaligen Doppel-Weltmeister Chen Qi aus China in das Halbfinale stürmte und damit zumindest die Bronzeplakette sicher hat.

«Natürlich bin ich sehr erleichtert. Es war schon ein Makel, dass ich keine Einzel-Medaille habe. Jetzt bin ich endlich auch mal bei einer WM sehr gut in Form», kommentierte der Rekord-Europameister den langersehnten Medaillengewinn. Nach zweimal WM-Silber und einmal Bronze im Team sowie Platz zwei im Doppel 2005 beendete Boll mit seinem umjubelten Erfolg zugleich eine Durststrecke von 42 Jahren für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) im wichtigsten WM-Wettbewerb.

Zuletzt stand Eberhard Schöler bei der Heim-WM 1969 in München als Zweiter auf dem WM-Podest. «Ich freue mich sehr, Timo ist ein feiner Kerl», sagte der 70 Jahre alte deutsche Rekordmeister. Boll ist erst der vierte deutsche Medaillengewinner im Einzel seit 1926 und kann mit zwei weiteren Siegen gegen die geballte Konkurrenz aus China sogar der erste deutsche Tischtennis-Weltmeister werden. «Das Turnier geht weiter. Die Anspannung darf nicht runtergehen», sagte Boll.

Im Halbfinale trifft er auf Chinas Jung-Star Zhang Jike, der Boll im Finale der German Open in Dortmund und beim Erdteilkampf Asien - Europa klar besiegen konnte. Den zweiten WM-Finalisten ermitteln Titelverteidiger Wang Hao und der Weltranglisten-Fünfte Ma Long. «Zhang Jike hat mich zweimal in diesem Jahr verprügelt, ich habe aber auch schon einmal gegen ihn gewonnen. Es ist meine Stärke bei diesem Turnier, dass ich auf den Punkt mental gut drauf bin», sagte der Düsseldorfer Bundesligaspieler.

Sein Erfolg versetzte die DTTB-Delegation in Hochstimmung. «Die Art und Weise, wie Timo aufgespielt hat, war großartig. Ich traue ihm hier Alles zu», sagte DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig. «Es ist ein toller Tag. Wir sind aber noch nicht am Ende. Die Medaille gibt uns einen Schub für die Heim-WM 2012 in Dortmund», erklärte DTTB-Chef Thomas Weikert. «Ich verspüre tiefe Erleichterung», sagte Bolls Berater und DTTB-Ehrenpräsident Hans Wilhelm Gäb.

Der letzte Europäer im WM-Turnier hatte sich mit Bundestrainer Jörg Roßkopf auf das Linkshänder-Duell gegen Chen Qi vorbereitet. Dem 27 Jahre alte Chinesen vom russischen Club Ekaterinburg steckte das Doppel-Halbfinale wenige Stunden zuvor in den Knochen. Boll, der auf den WM-Start im Doppel verzichtet hatte, legte ein atemberaubendes Tempo vor. Qi konnte nur im zweiten Durchgang kontern. Fast alle langen Ballwechsel gingen an den gebürtigen Hessen, der unerwartet sicher mit 11:5, 5:11, 11:6, 11:7, 11:3 gewann.