Berlin (dpa) - Was bleibt vom Kachelmann-Prozess? Für den Regensburger Strafrechts-Professor Henning Ernst Mueller konnte es kein anderes Urteil geben als Freispruch. An der Rolle der Staatsanwaltschaft und der Medien habe er aber manchmal gezweifelt, sagte Mueller im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Ist das für Herrn Kachelmann ein «Freispruch zweiter Klasse» oder wäre eine solche Einschätzung überzogen?

Mueller: «Freisprüche erster und zweiter Klasse gibt es im derzeitigen Recht gar nicht. Nur aus der Außenbetrachtung kann man sagen: Theoretisch wäre es ein besserer Freispruch, wenn seine Unschuld erwiesen wäre. Aber das ist nicht die Aufgabe des Gerichts. Das Gericht prüft nicht, ob ein Angeklagter unschuldig ist. Es prüft nur, ob er schuldig ist. Ob darüber hinaus noch erwiesen wird, ob er unschuldig ist, das kann vorkommen. Zum Beispiel durch ein Alibi. Das ist dann aber eher ein Zufall als die Bestimmung des Gerichts. Bei Herrn Kachelmann ist es ein ganz normaler Freispruch, da gibt es keine Differenzierung.»

Im Urteil ist von Entschädigung für die U-Haft die Rede. Gibt es da festgelegte Sätze?

Mueller: «Ja, das ist festgelegt. Ich glaube, es sind magere 25 Euro pro Tag. Vor kurzem war das noch viel weniger. Im Grunde ist das lächerlich. Jeder Tag des Lebens ist mehr wert als 25 Euro, egal um welchen Menschen es geht. Subjektiv empfinde ich diese Entschädigungsregelungen in Deutschland als einen Skandal.»

Droht der Klägerin im Kachelmann-Prozess jetzt vielleicht ein Verfahren wegen Falschaussage?

Mueller: «Eine falsche Verdächtigung ist auch eine Straftat. Ich sehe aber nicht, dass die Staatsanwaltschaft hier von sich aus einen solchen Tatverdacht annähme. Bisher sieht es so aus, dass sie die Anzeige für richtig hält, also keine falsche Verdächtigung annimmt. Natürlich kann auch der Angeklagte eine Strafanzeige erstatten. Dem muss dann nachgegangen werden.»