Berlin (dpa) - Steile These: Der Eurovision Song Contest ist vor allem eine Angelegenheit für schwule Fans, doch Stefan Raab betrügt die Homosexuellen und setzt ihnen ein heterosexuelles Mädchen-Märchen vor. Ungefähr so lautet die Quintessenz eines Textes des ESC-Experten und «taz»-Journalisten Jan Feddersen.

Seit den Partytagen mit Guildo Horn 1998 sei der ESC zu einem Mainstream-Ereignis geworden, dem jeder Underground verloren gegangen sei, schrieb Feddersen kürzlich. «Man verrät kein Geheimnis, sagt man, dass dieser bekennende Underground hauptsächlich durch schwule Männer verkörpert wurde.» Schwule seien es, die Stars wie Johnny Logan oder Dana International verehrten, weil sie die «Tragödien» und «Verhängnisse» aus deren Songs glaubten und sich in sie hineinfantasierten. Doch damit sei es jetzt vorbei.

Warum? «Der Kulturwissenschaftler Johannes Arens sprach voriges Jahr nach Lenas erstem Platz in Oslo von einer "Entschwulung" des ESC durch den Meister des ESC hierzulande, Stefan Raab, Mentor der Siegerin.» Lena sei nichts, in das sich Schwule hineinversetzen könnten - sie serviere «fahle Mädchenträume» und «keine Geschichten von Triumph und Scheitern». Feddersens Fazit: «Der Stoff, aus dem die Träume des ESC sind, ist einfach zu gut, als dass die männlich-heterosexuelle Welt nicht an ihm auch Gefallen finden könnte.»

«taz»-Text von Jan Feddersen