Rio de Janeiro (dpa) - Die Fußballwelt verdankt João Havelange viel. Die FIFA gedieh unter seiner Führung zum florierenden Weltkonzern. Doch der Brasilianer stand auch oft unter Korruptionsverdacht und zog durch sein feudales Amtsgebaren viel Kritik auf sich. Am Sonntag wird er 95 Jahre alt.

João Havelange ist für die FIFA ein «Gigant unter den Sportfunktionären». Machtbewusst und sportbesessen trieb der Brasilianer den Fußballsport in ungeahnte Höhen. In seiner Amtszeit (1974-1998) setzte er seinen Kurs zielstrebig, aber nicht immer foulfrei durch. Er ist das älteste IOC-Mitglied und der letzte «ewige Olympier» mit unbefristeter Mitgliedschaft. Zweimal nahm er selbst als Sportler an Olympischen Spielen teil. In Rio trägt ein Stadion seinen Namen. Er ist FIFA-Ehrenpräsident. Alles erreicht, möchte man meinen. Doch es bleibt ein Traum: Havelange will seine Seleção noch einmal siegen sehen. 2014 bei der WM in Brasilien.

Am 16. Juli 1950 war er Zeuge des «Maracanaço», des brasilianischen «Fußball-GAUs», der sich als kollektives Trauma tief ins nationale Gedächtnis einbrannte. Damals verlor Gastgeber Brasilien den WM-Titel durch ein 1:2 gegen Uruguay in Rios Maracanã-Stadion. Ein Land in Schockstarre und mit ihm der damals 34 Jahre alte Jurist Havelange. In drei Jahren will er im Maracanã den sechsten WM-Titel-Gewinn Brasiliens feiern. «Ich hoffe, ich bin 2014 und 2016 noch da, um die WM und die Olympischen Spiele in meinen Land zu sehen», sagte er kürzlich. 2016 wäre Havelange 100 Jahre alt.

Doch zum 95. wird der in Rio geborene Brasilianer wohl nicht nur Gratulationen bekommen. Der Machtmensch Jean-Marie Faustin Godefroid (João) de Havelange machte sich Feinde. Der «Spiegel» schrieb im März 1998, kurz bevor Havelange den höchsten FIFA-Job an seinen Ziehsohn und jetzigen Amtsinhaber Joseph Blatter übergab, dass sich die Vita Havelanges lese wie «eine gegen Skrupel weitgehend immune Chronique scandaleuse». Und tatsächlich wusste sich der Brasilianer mit belgischen Wurzeln wie kaum ein Zweiter im internationalen Geschacher um Stimmen, Einfluss und Millionen durchzusetzen.

Mit Fußball-Idol und Brasiliens Ex-Sportminister Pelé führte er eine erbitterte Privatfehde, weil dieser sich um die Aufklärung von Korruption bemühte und sich mit Brasiliens mächtigem Fußballverband CBF und dessen Präsidenten Ricardo Teixeira anlegte. Der ist aber Havelanges Schwiegersohn und weiß sich bis heute auf dem CBF-Chefposten und im FIFA-Exekutivkomitee zu behaupten. Immer wieder wurden Havelange fragwürdige Kontakte zu Diktaturen in Südamerika und auch zu menschenrechtsverachtenden Regierungen in Afrika vorgeworfen.

Gerade die Förderung des Fußballs in Entwicklungsländern war ein Markenzeichen von Havelanges FIFA-Regentschaft. Er war es, der die Ausdehnung des Fußball-WM-Turniers von 16 auf 24 und dann von 1998 an auf 32 Nationen erweiterte. Die FIFA hat heute auch dank Havelange mehr Mitglieder (208) als die Vereinten Nationen (192). Und seinen Kritikern fuhr der autokratische Sportfunktionär stets mit den Worten in die Parade: «Als ich (bei der FIFA) ankam, fand ich ein altes Haus und 20 Dollar in der Kasse. Als ich 24 Jahre später ging, hinterließ ich Eigentum und Verträge im Wert von 4 Milliarden Dollar.»