Neu Delhi (dpa) - Ständige Terrorangriffe und Konflikte mit den Nachbarn, eine desolate Wirtschaftslage und eine ebenso unpopuläre wie ineffektive Regierung - bereits vor der Eliminierung von Osama bin Laden durch US-Truppen in Pakistan war die Lage im Land alles andere als rosig.

Dass der Al-Kaida-Chef nun in Abbottabad - in der Nachbarschaft der übermächtigen Armee - aufgespürt wurde, hat die Atommacht in eine neue schwere Krise gestürzt. Ein westlicher Diplomat meint: «Das ist ein GAU für dieses Land.»

Die von der eigenmächtigen US-Operation überrumpelte Regierung in Islamabad gerät innenpolitisch immer stärker unter Beschuss. In kaum einem Land sind die USA verhasster als in Pakistan. Selbst aus der eigenen Volkspartei PPP gibt es Rücktrittsforderungen an Präsident Asif Ali Zardari und Premierminister Yousuf Raza Gilani. Ex-Außenminister Shah Mehmood Qureshi warf dem Staats- und dem Regierungschef vor, sie könnten Land und Volk nicht verteidigen.

Der Fraktionschef der wichtigsten Oppositionspartei PML-N, Chaudhry Nisar Ali Khan, sagte: «Die Abbottabad-Operation war der Mord an unserer Ehre und zeigt, dass es keine Regierung in diesem Land mehr gibt.» Ibrahim Khan von der islamistischen Jamat Islami (JI) forderte die Bestrafung all jener, die das Eindringen der Amerikaner nicht bemerkten - darunter auch die Armee- und Geheimdienstführung. Unter dem wachsenden Druck wollte Gilani sich an diesem Montag im Parlament zu der heiklen Causa Bin Laden äußern.

Jahrelang war spekuliert worden, der Al-Kaida-Chef sei in den unwegsamen Stammesgebieten an der afghanischen Grenze möglicherweise in einer Höhle untergetaucht. Bemerkenswert dicht an der Wahrheit lag im vergangenen Herbst der US-Sender CNN, der eine Nato-Quelle zitierte, wonach sich Bin Laden in einem Haus im Nordwesten Pakistans verstecke. «Niemand von Al-Kaida lebt in einer Höhle», sagte der ungenannte Nato-Vertreter damals. Bin Laden und sein Vize Eiman al-Sawahiri wohnten in relativem Komfort und würden von Teilen des Militärgeheimdienstes ISI geschützt.

Folgt man Bin Ladens Witwe Amal al-Sadah, über deren Verhöre die «New York Times» («NYT») und die pakistanische Zeitung «Dawn» am Samstag berichteten, dann versteckte sich der meistgesuchte Mann der Welt bereits seit 2005 in dem großzügigen Anwesen in Abbottabad. Dass der ISI davon über all die Jahre nichts wusste, scheinen auch die Amerikaner nicht mehr zu glauben. Der ISI sei «im besten Fall bewusst blind» gewesen, zitierte die «NYT» den ehemaligen CIA-Agenten Art Keller, der vor Jahren an der Jagd nach dem Top-Terroristen beteiligt war. «Bewusste Blindheit ist in Pakistan ein Überlebensmechanismus.»

Der Fall Bin Laden wirft die Frage auf, wo diese Blindheit noch überall zum Tragen kommt - wer also wer noch alles in Pakistan Unterschlupf erhält. Indien hat schlüssig dargelegt, warum es die Hintermänner der Terrorserie von Mumbai im Nachbarland vermutet. Augenzeugen berichteten in der Vergangenheit auch darüber, Bin-Laden-Vize Sawahiri in Trainingslagern von Extremisten in Pakistan gesehen zu haben. Als offenes Geheimnis gilt zudem, dass der Führungsrat der afghanischen Taliban von Pakistan heraus den Aufstand probt.