Hamburg (dpa) - Erotischer Auftritt auf der Theaterbühne: Ein Mann und eine Frau ziehen sich nackt aus und begegnen einander mit einem langen Kuss. In den folgenden 40 Minuten wird kein Wort gewechselt, es gibt keine Musik, keine Beleuchtung.

Stattdessen wird die «Choreographie einer Paarung» gezeigt - in den verschiedensten Stellungen und Positionen. Mal verspielt und leidenschaftlich, mal nüchtern und mechanisch.

Das Theaterstück «Libido Sciendi» von Regisseur Pascal Rambert wurde am Donnerstagabend in Hamburg auf Kampnagel im Rahmen des Live Art Festivals präsentiert und vom Publikum begeistert aufgenommen. Zuvor hatte die «Live Sex Performance» noch für einige Kritik gesorgt.

«Es wird auf sehr poetische Art und Weise gezeigt, wie man sich körperlich nähert und wieder entfernt», sagte eine Zuschauerin im Anschluss. Im Mittelpunkt der 2008 in Frankreich uraufgeführten Inszenierung stehen die Tänzerin Ikue Nakagawa (30) und ihr Ehemann Lorenzo de Angelis (25). Zu Beginn erheben sie sich aus dem Publikum, betreten die Bühne - eine große weiße Matte vor einer schwarzen Wand - und entkleiden sich.

Der folgende Liebestanz bietet einen unverklärten Blick auf die sich vereinigenden Körper, ohne zu obszön daherzukommen. Während der Aufführung herrscht angespannte Stille: Ohne Musik und ohne Dialoge ist ab und an lediglich ein Stöhnen und die Kraft der Körper zu vernehmen. Trotz der intimen und direkten Szenen geht die Inszenierung nicht bis zum Äußersten - und lässt dem Betrachter Raum für Fantasie.

«Pornografie interessiert mich nicht, denn sie liefert keine Imagination. Was mich interessiert, ist unser erotisches Verhältnis zum Leben», sagt Regisseur Rambert. Deshalb könne er auch die Aufregung um sein Stück nicht nachvollziehen. Im Vorfeld hatte die freizügige Inszenierung für Unmut gesorgt: Auf St. Pauli gebe es genug echten Sex. Das brauche man nicht auf einer staatlich subventionierten Bühne, erklärten Kritiker. Auch das Publikum kann den Wirbel nicht nachvollziehen. Von Skandal könne keine Rede sein, sagte ein Besucher. «Das war eine wunderschöne, sinnliche und stimmige Inszenierung», meinte ein anderer.

Und wie einfach fällt dem tanzenden Ehepaar der intime Auftritt vor Zuschauern? «Während der Inszenierung sind wir sehr auf uns konzentriert», erklärt de Angelis. Vertrauen sei eine wichtige Voraussetzung. Ob sie sich den Auftritt auch mit einem Fremden vorstellen könnten? «Nein, eher nicht», sagen die beiden lachend. «Und wenn, dann wäre ein komplett anders Stück dabei herausgekommen.»