Damaskus/Istanbul (dpa) - Die syrische Armee ist am Freitag in die Offensive gegangen - im eigenen Land gegen das eigene Volk. Im Visier der Soldaten im Großeinsatz in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes stehen Regimegegner. Auf türkischer Seite der nahe gelegenen Grenze ist Geschützdonner zu hören.

In mehreren Städten Syriens gingen nach dem Freitagsgebet Demonstranten auf die Straße, die zum Sturz des Regimes aufriefen. Die Sicherheitskräfte schossen erneut auf Demonstranten, mindestens ein Dutzend Menschen wurde getötet. Arabische Sender berichteten am Abend sogar von mehreren Dutzend Toten.

Allein in der Stadt Latakia zählten Regimegegner neun Todesopfer. Die Proteste, an denen landesweit Zehntausende teilnahmen, zogen sich in einigen Städten bis in den Abend hin. Auf Videoaufnahmen der Opposition vom Freitag war auch eine Demonstration in Damaskus zu sehen, bei der Uniformierte auf den Protestzug schossen.

Der türkische Präsident Abdullah Gül warnte das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vor der weiteren Anwendung von Gewalt. Die Türkei betrachte die Syrer als Nachbarn und Brüder, mit denen es auch familiäre Verbindungen gebe, zitierte die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Gül am Freitag in Istanbul. «Wir verfolgen die Lage in Syrien täglich nachrichtendienstlich genau und zwar äußerst genau», sagte Gül. Sein Land sei zivil und militärisch auch auf die schlimmsten Szenarien vorbereitet. «Natürlich wollen wir nicht, dass diese schlimmsten Szenarien wahr werden. Aber die Dinge entwickeln sich nicht in die richtige Richtung», sagte er.

Der Nachrichtensender Al-Dschasira meldete, neun Mitglieder der regierenden Baath-Partei aus Idlib seien aus Protest gegen die Militäroperation aus der Partei ausgetreten. Die staatlichen syrischen Medien sprachen von einem Einsatz gegen «bewaffnete Banden» in Idlib und behaupteten, diese hätten Felder, Heuschober und Wälder angezündet.

Augenzeugen berichteten auf den Internet-Seiten der Opposition von Schüssen sowie von Panzern, die in die Kleinstadt Dschisr al-Schogur eindrangen. Später hieß es, der Ort gleiche einer Geisterstadt. Ein Großteil der Bevölkerung sei aus der Kleinstadt geflüchtet. Einige Familien seien von der Armee vertrieben worden. Anfang der Woche waren in der Ortschaft nahe der Grenze zur Türkei nach offiziellen Angaben aus Damaskus 120 Soldaten und Polizisten getötet worden.

Das Regime macht Extremisten für die Toten von Dschisr al-Schogur verantwortlich. Regimegegner aus dem Bezirk hatten dagegen berichtet, die Soldaten und Polizisten seien von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen worden, weil sie sich Befehlen widersetzt hätten.