London (dpa) - Die schier unendliche Geschichte zwischen John Isner und Nicolas Mahut erlebt in Wimbledon einen zweiten Teil. Ein Jahr nach ihrem Rekordmatch treffen die beiden in Runde eins wieder aufeinander. Diesmal wird es keine 665 Minuten dauern, bis der Sieger feststeht.

Nachdem klar war, dass der All England Club eine Fortsetzung des epischen Tennis-Marathons erleben würde, herrschte an der Church Road ungläubiges Kopfschütteln. Bei 1:14 000, so errechneten es flugs einige Mathematiker, hatte die Wahrscheinlichkeit gelegen, dass John Isner und Nicolas Mahut ein Jahr nach ihrem Rekord für die Ewigkeit wieder in der ersten Wimbledon-Runde aufeinandertreffen würden. «Das ist fast schon grausam», kommentierte Isner die Auslosung, die die Tennis-Fans schon vor Teil 2 des Isner-Mahut-Irrsinns in ihren Bann zog.

Als der 2,06-Meter-Schlacks aus den USA und sein franzosischer Kontrahent am 22. Juni 2010 erstmals Court 18 betraten, ahnte noch keiner der Zuschauer, welch schier unendliche Geschichte ihren Lauf nehmen sollte. Auch als die Partie am ersten Abend wegen einsetzender Dunkelheit unterbrochen wurde, war noch alles weitgehend normal. Doch als den beiden Marathonmännern am Folgetag im fünften Satz, der in Wimbledon traditionell ohne Tiebreak gespielt wird, einfach nicht das entscheidende Break gelingen wollte, wurde Nebenplatz 18 allmählich zum heimlichen Center Court.

Der Rest ist Tennis-Geschichte. Von Dienstag bis Donnerstag ging ihr Endlos-Rekordmatch, 183 Spiele über 11:05 Stunden duellierten sich Isner und Mahut teilweise wie in Trance und schlugen dabei als erste Akteure jeweils mehr als 100 Asse in einer Partie. 112 waren es am Ende für Sieger Isner, 103 für Mahut, allein der finale Durchgang dauerte acht Stunden und elf Minuten und war damit länger als das bis dato längste Grand-Slam-Match. «Das war der größte Moment meines Lebens als Tennisspieler und sicher auch als Mensch», meinte Mahut rückblickend trotz seiner Niederlage.

Am Ende des Rekord-Festivals, das Isner mit 6:4, 3:6, 6:7 (7:9), 7:6 (7:3), 70:68 gewann, sank der Amerikaner rücklings ins Gras. Es war wie nach einem Sieg im Finale - aber irgendwie war es ja auch so etwas ähnliches. Bei der Umarmung am Netz konnten beide vor Erschöpfung kaum noch stehen. «So etwas wird nie wieder passieren», sagte Isner mit leiser Stimme. «Er hat fantastisch serviert, ich habe fantastisch serviert. Mehr ist dazu nicht zu sagen.»

Heute ist an Court 18 eine Tafel angebracht, die an die beiden Helden erinnert. Was Isner und Mahut - neben dem Platz in den Geschichtsbüchern - bleibt, ist ihre Freundschaft, die sich nach jener Partie entwickelt hat. «Wir sind jetzt wirklich gute Kumpels. Wir werden es genießen und zur gleichen Zeit darüber lachen», sagte Isner mit Blick auf ihr zweites Auftaktduell in Wimbledon.

Ihre Kollegen fürchten bereits, dass die beiden Kumpels wieder kein Ende finden. Der Kroate Ivo Karlovic, bis dato der Spieler mit den meisten Assen in einer Partie, witzelte via Twitter: «Das sollte an dem Tag das einzige Match auf diesem Platz sein. Sonst wollen sie wieder drei Tage verschwenden.»