Am Finanzmarkt kann sich die Türkei Geld billiger besorgen als mehrere EU-Staaten, obwohl die Türkei an mehrere nahöstliche Krisenherde angrenzt und selbst erst in den Jahren 2001 und 2002 eine schwere Bankenkrise erlebt hat. Gegen den Widerstand der eigenen Wirtschaft hat Erdogan auf neue Kredite des Internationalen Währungsfonds verzichtet und damit auch Auflagen abgewendet. Der Schritt schien riskant. Doch Investoren haben ihr Vertrauen nicht verloren.

Ihre Rolle als Drehkreuz hat die Türkei weiter ausgebaut. Mit mehr als 60 Staaten gibt es inzwischen visumsfreien Reiseverkehr. Ausländer sind willkommen, vor allem wenn sie Geld und Geschäftsideen mitbringen. Die offenen Türen haben aber auch zu einer großen Zahl illegaler Arbeiter aus Osteuropa und arabischen Staaten geführt, die vom türkischen Staat und den Sozialsystemen allerdings nichts zu erwarten haben. Ausländer können ihre Kinder auch nicht auf öffentliche, staatlich finanzierte Schulen schicken.

Es gebe weltweit eine Verschiebung der Kräfte, schrieb Erdogan Anfang des Jahres in einem Kommentar, den das US-Magazin «Newsweek» veröffentlichte. «Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Europa mehr Dynamik und Veränderung benötigt: Europas Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen sind komatös. Die europäischen Volkswirtschaften stehen still. Europas Gesellschaften sind fast geriatrisch», schrieb er. Mit dem Erfolg hat sich auch eine gewisse Selbstherrlichkeit eingestellt.

Es gibt auch warnende Stimmen. Die starke Abhängigkeit der Türkei von der Baubranche und kurzfristigem Kapital aus dem Ausland gelten als Risiken. Zudem ist es der türkische Regierung noch nicht gelungen, den armen Osten des Landes zu entwickeln und die Kluft zwischen Arm und Reich in dem 73-Millionen-Volk ausreichend zu überbrücken. Doch ist aus dem einstigen Sorgenkind ein kräftiger junger Mann geworden, der nun gewissermaßen über die EU-Grenze die Krankengeschichten der Älteren verfolgt.

Inzwischen sieht selbst Griechenland die Türkei als mögliches Vorbild. Andere Länder hätten auch schwere Krisen erlebt und seinen danach wirtschaftlich wieder erstarkt, wird der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou in der Türkei zitiert. «Warum können wir nicht machen, was unsere türkischen Nachbarn gelungen ist.»