Berlin (dpa) - Ein Super-Favorit, eine Handvoll Herausforderer, ein Dutzend Deutsche, 30 Millionen Schaulustige - und über allem ein Dopingverfahren, das 3430 Kilometer Schinderei durch Frankreich im Nachhinein ad absurdum führen könnte.

Auch bei ihrer 98. Auflage ist die Tour de France wieder ein Gemisch aus sportlicher Höchstleistung, pompösem Spektakel und ständiger Angst vor Manipulationen. Mit dem Startschuss auf der idyllischen Atlantikinsel Noirmoutier beginnt am Samstag vor allem die Jagd auf Alberto Contador, den überragenden Tour-Fahrer der vergangen Jahre - und einen der umstrittensten.

Der Start des Spaniers beim wichtigsten Radrennen der Welt steht unter keinem guten Stern. Wegen eines positiven Dopingbefunds bei der Tour 2010 ist beim Internationalen Sportgerichtshof CAS ein Verfahren anhängig. Die offene Causa bereitet den Organisatoren sowie manchem Fahrer Kopfzerbrechen - doch nach der Verschiebung des Prozesses auf Anfang August sind den Kritikern die Hände gebunden. Sollten die Richter den Madrilenen nach der finalen Tour-Etappe in Paris schuldig sprechen, verlöre dieser alle seine Titel ab Juli 2010 - auch den möglichen vierten Triumph bei der diesjährigen «Grande Boucle».

Bei seinem ersten Auftritt bekam Contador am Donnerstag bereits einen Vorgeschmack auf die drei Tour-Wochen, als er kaum sportliche, dafür aber viele Doping-Fragen zu beantworten hatte. «Ich habe das ganze Jahr mit diesen Diskussionen zu tun, aber ich werde mich auf das Rennen konzentrieren und mich nicht durch diesen Druck von außen aus der Ruhe bringen lassen», kündigte er an. Zu einer möglichen CAS- Verurteilung sagte der Spanier: «Wenn sie mir den Sieg abnehmen, wäre das komplett lächerlich. Ich bin der am meisten getestete Fahrer und habe trotzdem fast jedes Rennen gewonnen.»

Doch auch die Fans zweifeln an Contador. Bei der Präsentation der 22 Mannschaften im Vergnügungspark Le Puy du Fou wurde er von den rund 3000 Zuschauern gnadenlos ausgepfiffen. Contador war sichtlich entsetzt und verweigerte anschließend jeden Kommentar.

Dass er am 24. Juli abermals das Gelbe Trikot nach Paris tragen wird, darüber sind sich viele Experten einig. «Er gewinnt wieder», prognostizierte die deutsche Tour-Hoffnung Tony Martin von HTC- Highroad. Als «Dream Team» zusammen mit seinem Saxo-Bank-Teamchef und genialen Strategen Bjarne Riis ist Contador ohnehin kaum zu schlagen. Schon beim knüppelharten Giro d'Italia mit barbarischen Anstiegen fuhr der Kletterspezialist die Konkurrenz im Mai in Grund und Boden.

Erster Herausforderer ist Andy Schleck, mit Bruder und Leopard- Trek-Kamerad Frank die andere «Doppelspitze» im Peloton - bislang aber die wesentlich erfolglosere. Bei den Frühjahrsklassikern verpasste die «Real Madrid des Radsports» getaufte Equipe die große Bestätigung. Leopard-Teammanager Kim Andersen verkündet aber unbeirrt: «Natürlich fahren wir zur Tour, um zu gewinnen.»