London (dpa) - Quo vadis, Roger Federer? Nach dem Viertelfinal-Aus in Wimbledon ist die Debatte um die künftigen Chancen des Schweizers neu entflammt. Boris Becker sieht die Zeit nicht auf Federers Seite. Der Maestro selbst will sich von dem Rückschlag nicht entmutigen lassen.

Ein gefühlte Ewigkeit stand Roger Federer bedröppelt auf dem Heiligen Rasen. Die Tasche geschultert, musste der größte Könner seines Sports lange warten, ehe auch der tanzende Jo-Wilfried Tsonga bereit war, den Centre Court von Wimbledon zu verlassen. War Federers historische Fünf-Satz-Niederlage das Ende einer Ära, wie viele Experten bereits unken? Oder ist der Schweizer Tennis-Maestro immer noch für einen Grand-Slam-Sieg gut?

«Die Zeit ist nicht auf seiner Seite», stellte der dreimalige Wimbledon-Champion Boris Becker fest. Erstmals seit Federer mit seinem Debüt-Erfolg 2003 im All England Club das Herren-Tennis im Sturm eroberte, blieb der 29-Jährige bei sechs Grand Slams in Serie ohne Turniersieg. Erstmals in 179 Matches verlor er ein Major-Spiel nach einer 2:0-Satzführung. Statistiken, die Zweifel an den künftigen Chancen des sympathischen Superstars aufkommen lassen. «Roger Federers Nimbus bröckelt - der Grat an der Spitze ist schmal geworden», urteilte die «Neue Zürcher Zeitung».

Denn nicht nur der zehnmalige Grand-Slam-Champion Rafael Nadal und der serbische Saison-Überflieger Novak Djokovic bringen Federer beständig in Not. Mittlerweile sind auch Akteure wie der Franzose Tsonga, der nach dem 6:3, 7:6 (7:3), 4:6, 4:6, 4:6-Sieg am Mittwoch wie ein Derwisch über den Platz tobte, immer wieder eine Gefahr für den einst Unantastbaren. «Eine Naturgewalt fegt das Sportgenie weg», kommentierte die britische «Times» Tsongas Coup.

Federer selbst war nach der bitteren Pleite erstaunlich gelassen. Er glaube nicht, dass dies das Ende einer Ära sei, beschied der Familienvater den kritischen Fragestellern. «Ich denke, mein Spiel war in diesem Jahr gut genug, um das Turnier zu gewinnen.» Das zweite Viertelfinal-Aus in Wimbledon nacheinander entmutige ihn überhaupt nicht, betonte der 16-fache Grand-Slam-Gewinner abschließend.

Aber bei aller zur Schau gestellten positiven Sichtweise: Die Jagd nach dem siebten Titel - diese Bestmarke hält Pete Sampras - bei seinem Lieblingsturnier wird für Federer von Jahr zu Jahr schwerer. Und auch der Lebenstraum vom olympischen Einzel-Gold, den sich der der Weltranglisten-Dritte 2012 an der Church Road erfüllen will, scheint nur schwer in Erfüllung zu gehen. «Woher kriegt er die Motivation und Inspiration, um noch mehr zu trainieren», fragte BBC-Experte Becker, der Federer einen «langen Sommer» prophezeite.

Für den Briten Andy Murray könnte es hingegen der Sommer seines Lebens werden. Der Schotte steht am Freitag zum dritten Mal in Serie in der Vorschlussrunde des nationalen Tennis-Heiligtums und ist drauf und dran, 75 Jahre nach dem Sieg von Fred Perry die Sehnsucht der englischen Tennis-Fans zu stillen. «Ich glaube fest daran, dass ich eine Chance habe», sagte Murray. Am «Tag der Wahrheit» («The Sun») trifft er im Semifinale auf Nadal - im Vorjahr hatte ihn der Spanier in drei Sätzen abserviert. «Ich kann Rafa schlagen», sagte Murray.