Hamburg (dpa) - Doktor Wladimir Klitschko ist intelligent und höflich, smart und gut aussehend, eben ein Schwiegersohn-Typ. Doch so wie derzeit hat es in dem wohlerzogenen 1,98-Meter-Hünen noch nie gebrodelt. David Haye reizt den 35 Jahre alten Boxweltmeister aus der Ukraine bis aufs Blut.

Er sei ein beschissener Esel, eine Boxer-Reste fressende Hyäne, er töte das Schwergewicht, sei ein Betrüger und Penner, boxe wie ein Roboter und werde deshalb im Ring hingerichtet. Der Brite präsentiert T-Shirts mit Fotomontagen geköpfter Klitschko-Brüder und wandelt den Namen Klitschko in Anlehnung an ein englisches Schimpfwort kurzerhand in «Bitchko» um. Er bringt ein Handy-Spiel auf den Markt, in dem er einem nicht näher identifizierten Osteuropäer mit einer krachenden Rechten den Kopf vom Rumpf schlägt, während das Blut eimerweise sprudelt - und grinst dem Beleidigten frech ins Gesicht.

Klitschko müht sich, die Contenance zu wahren. «Ich werde dich betrafen», schwört der WBO- und IBF-Weltmeister im Schwergewicht mit fester Stimme und funkelnden Augen. Um seine Abscheu zu kaschieren, meint er: «Die verbalen Neckereien gegenüber David machen mir unheimlich viel Spaß. Ich genieße es einfach, in seiner Nähe zu sein.» Doch seine Abneigung gegen den WBA-Champion ist offenbar so tief wie noch nie vor einem Kampf. Klitschko spricht Haye die Reife «als Mensch und Boxer» ab und will ihn in die Realität zurückholen. «Das ist gut für dich und dein Leben», beschreibt der Sportwissenschaftler die pädagogische Absicht der geplanten Lektion.

Einen so durchtriebenen Rivalen, dem mancher vorschnell fehlende Kinderstube und Dummheit vorwirft, hatte er auf der Ballyhoo-Ebene noch nie. Haye lässt keine Geschmacklosigkeit aus, trifft permanent unter die Gürtellinie und führt einen kompromisslosen Psychokrieg. Er gibt sich unerschrocken, zeigt keinerlei Angst, stiert Klitschko genauso lange unbeeindruckt in die Augen wie der ihm. Frühere Rivalen konnten dem Blick nicht standhalten.

Dabei verfolgt Haye eine perfide Doppelstrategie. Zunächst will er den Gegner reizen, bis der die Kontrolle und dann seine Linie im Ring verliert. «Er soll wütend auf mich sein. Er soll mich hassen», verrät der 30 Jahre alte Rastazöpfe-Träger, der sich zumeist hinter einer dunklen Sonnenbrille verschanzt. Klitschko kontert: «Ich lasse aber meine Emotionen außerhalb des Rings. Denn Emotionen im Ring bringen eigentlich nur einen Nachteil. Ich werde den Kampf mit einem klaren Kopf und einem kalten Herzen antreten und natürlich meinen Job erledigen.» Zudem rührt der Brite die Reklametrommel mit einem Dauerfeuer an Verbaleinschlägen, dass selbst der letzte Box-Muffel in seinem Heimatland hinterm Ofen hervorstürmen muss, um den Kampf zu abonnieren.

Das Ereignis am Samstag in der Hamburger Fußball-Arena kostet beim englischen TV-Sender BSkyB 14,95 Pfund (16,50 Euro), in Irland müssen 21,95 Euro berappt werden. Je mehr kaufen, desto praller die Taschen von Klitschko und Haye, die alle Einnahmen fifty-fifty teilen. Haye im Gespräch mit dem «Spiegel»: «Die Leute sollen denken: Wer ist dieser Kerl? Und dann gucken sie sich den Kampf an, weil sie wissen wollen, ob ich was kann. Oder weil sie hoffen, dass ich verprügelt werde.»