Les Herbiers (dpa) - Frustriert rollte Alberto Contador ins Ziel und schüttelte den Kopf: Schon zum Auftakt der 98. Tour de France ist der Topfavorit gewaltig ins Straucheln geraten.

Nach einem Massensturz kassierte der umstrittene Spanier auf dem ersten Teilstück der Tour von Noirmoutier nach Les Herbiers 1:14 Minuten Rückstand auf seinen größten Herausforderer Andy Schleck. Im Vorjahr hatte die beiden im Ziel in Paris die Winzigkeit von 39 Sekunden getrennt.

8,8 Kilometer vor dem Ziel war der dreifache Tour-Sieger vom Team Saxo Bank mit rund 50 weiteren Fahrern zu Sturz gekommen, nachdem ein Astana-Profi einen Zuschauer touchiert hatte. Andy Schleck blieb trotz eines Sturzes kurz vor Schluss verschont und twitterte: «Eine hässliche Etappe. Ich hoffe, niemand wurde ernsthaft verletzt.» Contador eilte nach seiner Alptraum-Etappe wortlos ins Hotel.

Zum Tagessieg sprintete Philippe Gilbert, der sich nach einer Galavorstellung auf dem 2,2 Kilometer langen Schlussanstieg das erste Gelbe Trikot der diesjährigen Tour überstreifte. Die große deutsche Tour-Hoffnung Tony Martin verlor in der hektischen Schlussphase nach insgesamt 191,5 Kilometern nur sechs Sekunden auf Omega-Kapitän Gilbert und kann damit vom Gelben Trikot am Sonntag träumen.

Ein Sieg beim Teamzeitfahren mit genügend Vorsprung könnte dem Profi vom Team HTC Highroad das erste «Maillot Jaune» eines deutschen Radprofis seit Stefan Schumacher 2008 bescheren. «Für Tony ist es heute gut gelaufen», sagte Teamchef Rolf Aldag. «Wir fahren morgen, um zu gewinnen. Wenn wir mit mehr als sechs Sekunden vor Omega im Ziel sind, hat Tony das Trikot. Aber es gibt noch vier weitere Sieg- Kandidaten: RadioShack, Sky, Garmin und Leopard.» Einen starken Auftritt hatte auch Andreas Klöden (RadioShack) als Siebter hingelegt.

Contador muss nun mit einer gewaltigen Hypothek in den Kampf gegen die Uhr gehen - dort droht ihm weiterer Zeitverlust. Allerdings werden die großen Abstände bei dieser Tour erst in den Bergen geschrieben werden. Auf dem Terrain ist der Kapitän vom Team Saxo Bank wohl nur von einem Fahrer zu schlagen: Andy Schleck. Auch der Leopard-Fahrer war kurz vor Schluss in einen Sturz verwickelt - weil sich dieser aber innerhalb der letzten drei Kilometer ereignete, wird dem Luxemburger laut Reglement kein Rückstand aufgebrummt.

Nach Ansage zum Sieg fuhr Gilbert, dem der Streckenverlauf entgegenkam. «Ich wusste, dass ich heute eine gute Gelegenheit habe. Das hat mich motiviert.» Zusätzlich habe ihn die Doping-Affäre um den ehemaligen Team-Betreuer Wim Vansevenant angestachelt. «Mein Name wurde in Belgien in den Schmutz gezogen - das hat mich wütend gemacht», betonte Gilbert, der im April drei Ardennen-Klassiker gewonnen hatte. «In diesem Jahr sind zwei Träume für mich in Erfüllung gegangen: Der Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und heute.»