Die Dauerkrise als Chance: Das Euro-Schuldenproblem kann für Europa zu einem Lehrstück werden, glaubt der Soziologieprofessor Gerhard Schulze. Die Krise sensibilisiere für die Unterscheidung zwischen Illusionen und Wirklichkeit.

Berlin (dpa) - Die Krise will nicht enden - mehrere Euro-Länder hängen an den Finanzhilfen wie Süchtige an der Nadel. Trotzdem: Krisen haben aber auch ihr Gutes, glaubt der Soziologe und Buchautor Gerhard Schulze («Krisen. Das Alarmdilemma»). Im Interview der Nachrichtenagentur dpa erklärt der Bamberger Professor, wie man mit Krisen umgeht. Und was wir daraus ziehen können.

Herr Schulze, wie soll man mit der Euro-Schuldenkrise umgehen?

Gerhard Schulze: «Die Krise hat auch ihr Gutes: Sie schärft unsere Wahrnehmung für Lügen, Illusionen, leere Versprechen und Rechtsbrüche - andererseits für den wahren Stand der Dinge. Zudem sensibilisiert sie gegen euphorische Europarhetorik und zwingt zum Nachdenken darüber, was wir wirklich wollen. Die Krise ist der Rohrstock des Lehrmeisters Wirklichkeit im kollektiven Lernprozess.»

Was bedeutet die Euro-Schuldenkrise eigentlich für uns?

Schulze: «Das Symptom verdeckt den grundlegenden Mangel, der es verursacht hat. Das Symptom heißt Griechenland, seine Ursache aber ist das Fehlen von Institutionen, die eine Angleichung von Ländern mit unterschiedlichen Wirtschaftskulturen herbeiführen könnten. Inzwischen fragen viele: Warum eigentlich?»

Manche Krisen scheinen unser Leben zunächst gar nicht zu betreffen, weil sie so abstrakt sind. Wie soll man sie dann erst verstehen?