Frankfurt/Main (dpa) - Die Begeisterung für die Frankfurter Tigerbabys und andere Tierkinder ist nach Einschätzung des Biopsychologen Peter Walschburger ein Paradebeispiel der unbewussten liebevollen Zuwendungstendenzen des Menschen.

«Diese werden durch die kleinsten Mitglieder einer Gesellschaft angeregt. In erster Linie von Menschenbabys und in zweiter Linie von Tierbabys», sagte der Professor an der Freien Universität Berlin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Der Sogwirkung dieses Kindchenschemas kann man sich kaum entziehen», sagte Walschburger. Das sei ein Trick der Natur, der den kindlichen Wesen bessere Lebenschancen verschaffe. Denn: «Es bringt einen Überlebensvorteil, dass die hilfebedürftigen Kleinsten in einer Gruppe die stärkste Zuwendung auslösen, während sonst ja alle auf die Mächtigsten einer hierarchisch strukturierten Gruppe hören.»

Die beiden Anfang Mai geborenen Tigerkater bescheren nach Angaben des Frankfurter Zoos ein Plus bei den Besucherzahlen von etwa 30 bis 40 Prozent. Der Größere heißt «Taru», der Namen des Kleineren soll an diesem Freitag bekanntgegeben werden.

Besonders deutlich sei das Phänomen beim Eisbären Knut mit seinem weißen Fell gewesen, erläuterte Walschburger. Bei Taru und seinem noch namenlosen Bruder machten die rundlichen Schädel, die tollpatschigen Bewegungen, die kurzen, dicken Körper, große Augen, die Kleinheit und Zierlichkeit das Kindchenschema aus. Das Fell rege zu Berührungen, zum Streicheln an. «Und der erlebte Kontrast zu der Gefährlichkeit erwachsener Raubkatzen verstärkt noch die Zuwendungsreaktion.»

Walschburger kann der großen öffentlichen Begeisterung für Tierbabys grundsätzlich etwas abgewinnen. Sie zeige, dass solche positiven Grundtendenzen zur liebevollen Zuwendung und Fürsorge beim Menschen ähnlich stark verankert seien wie etwa Ängste. «Das ist schön und zweckmäßig, wenn man so etwas auslebt, jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt», sagt der Experte.

«Als medial verstärktes Massenphänomen hat es aber auch etwas sehr Kitschiges, Naives, Klischeehaftes, nämlich dann, wenn es nicht verhaltenswirksam wird und zu fürsorglichem Verhalten gegenüber menschlichen Sorgenkindern führt.» Bedauerlich findet der Biopsychologe, dass vergleichbare physiognomische Zuwendungsmerkmale bei alten Lebewesen, also bei den «Senioren» fehlen. «Die Natur hat da nichts ausbilden können, weil die Menschen früher nicht so alt geworden sind.» Umso wichtiger sei es deshalb, «dass wir unsere spezifisch menschlichen Einsichten und Wertsetzungen kultivieren nach dem Motto: "Ehret die Alten"».

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