Berlin (dpa) - Die CDU ringt um Profil und analysiert die Ursachen ihrer Probleme. Ihr alter Fahrensmann Heiner Geißler hält die FDP für die Hauptschuldige an der Misere. Das sehen viele in der Union ähnlich.

In der «Welt» (Donnerstag) zog Geißler erneut die Grünen als Partner vor. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle konterte in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: «Das Problem der CDU sind unüberlegte Verlautbarungen wie die von Heiner Geißler.» CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sagte der dpa: «Die FDP ist besser als ihr momentaner Ruf.» Aber: «Wir päppeln sie seit Monaten.»

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Barthle sieht in Kommunikationsproblemen und fehlenden emotionalen Themen die Ursachen für das Stimmungstief seiner Partei. Indirekt kritisierte er CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Mit Blick auf Grün-Rot in Baden-Württemberg unter Winfried Kretschmann brachte auch Barthle die Grünen ins Spiel. «Da gibt es etwas Neues. Das kann auch Möglichkeiten für Schwarz-Grün im Bund verändern.» Kretschmann sei ohnehin in der falschen Partei. «Der gehört eigentlich zu uns.»

Brüderle sagte, um von seinen eigenen verbalen Eskapaden abzulenken, werfe Geißler «mit sachfremden Absurditäten um sich». Damit zielte Brüderle auf Geißlers heftig umstrittene Äußerung als Stuttgart-21-Schlichter bei der Vorstellung des Stresstests für den geplanten unterirdischen Bahnhof: «Wollt Ihr den totalen Krieg?» Das ist eines der bekanntesten Zitate aus der berüchtigten Hetzrede von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast 1943.

Auch an der CDU-Basis machte sich Ärger über die FDP breit. So sagte der Bürgermeister im niedersächsischen Meppen, Jan Bohling (CDU), der dpa: «Die Forderung der FDP nach Steuersenkungen ist irrational und die Idee, die Gewerbesteuer abzuschaffen, kommunenfeindlich.» Hier müsste Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einmal «Basta» sagen. Die FDP kämpfe ums Überleben. «Die FDP zieht uns mit in den Abgrund und dann ist Frau Merkel auch nicht mehr da.»

Barthle sagte: «Wenn man Kritik an der Kanzlerin äußern will, dann, dass sie nicht eine so große Philosophin ist und Ideen und Beschlüsse wortreich und ausschmückend kommuniziert. Dafür bräuchte sie jemanden in der CDU-Zentrale.» Das ist üblicherweise der Generalsekretär. Barthle nannte Gröhe aber nicht namentlich. Es fehlten im Moment die «emotionale Verbundenheit», eine klare Ausrichtung und Themen, an denen sich das Wertesystem der CDU wieder festmachen könnte. Entscheidungen würden zu wenig erklärt. Barthle sagte: «Die Menschen fragen sich: Stimmt mein Kompass noch?»

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) beklagte im ARD-Morgenmagazin, dass die Kritik an der Partei öffentlich geführt werde. «Ich würde schon meinen, dass wir die Diskussionen in den Gremien führen sollen und dass wir das in der Familie führen sollen. Es hilft überhaupt nichts, wenn da in der Öffentlichkeit große Diskussionen geführt werden.» Das Erscheinungsbild der Koalition müsse besser werden. «Die erste Halbzeit war nicht besonders gut. Wir müssen in der zweiten Halbzeit besser spielen.»