Hamburg (dpa) - Seelenanalyse einer Familie: Eugene O'Neills autobiografisch gefärbtes Drama «Eines langen Tages Reise in die Nacht» hat am Dienstag am Hamburger St. Pauli Theater Premiere gefeiert.

Die Inszenierung von Regisseur Ulrich Waller erzählt die Geschichte einer von Rausch, Hassliebe und Selbstzerstörung geprägten Schauspielerfamilie. Ben Becker überzeugt in der Rolle des versoffenen älteren Sohnes Jamie. David Bennent, Neuling am St. Pauli Theater, spielt dessen jüngeren und tuberkulosekranken Bruder Edmund. Das schmerzvoll-klaustrophobische, aber kraftvoll gespielte Stück wurde vom Publikum begeistert gefeiert.

Ein Tag im Sommerhaus der Familie Tyrone. Vor der Tür wird der Nebel immer dichter, die Nebelhörner immer lauter. Und drinnen: Bereits Mittags wird die erste Whiskeyflasche geköpft, der Alkohol bricht alles auf: Hoffnungslosigkeit, gegenseitige Abhängigkeit und Verzweiflung werden brutal offengelegt. Da ist die hysterische morphiumabhängige Mutter (Angela Schmid). Immer mehr entfremdet sie sich von ihrer Familie. «Sie hat eine Wand um sich errichtet, eine Nebelbank, hinter der sie umherirrt», sagt einer ihrer Söhne. Gerd Böckmann gibt den alten Vater Tyrone - ein krankhafter Geizhals und ebenso Alkoholiker wie der Erstgeborene Jamie.

«Höhere Ambitionen als Huren und Whiskey hat er nicht gehabt», sagt er über seinen älteren Sohn. «Voll wie ein Eimer» kehrt dieser aus dem Bordell zurück - seine Art, aus der Familienhölle zu flüchten und die Hassliebe, die alle verbindet, zu ertragen. Auch sein jüngerer Bruder ist dem Alkohol nicht abgeneigt. Ihn plagt aber vor allem die Schwindsucht. Für David Bennent, der bereits vor mehr als 30 Jahren in der Rolle des Oskar Matzerath in Volker Schlöndorffs Verfilmung des Romans «Die Blechtrommel» zu Weltruhm gelangte, ist es der erste Auftritt am St. Pauli Theater.

Es sei ein Schauspiel, «geboren aus frühem Schmerz, geschrieben mit Blut und Tränen», notierte O'Neill, Literaturnobelpreisträger aus dem Jahr 1936. «So nahe dran an seiner eigenen Autobiografie, wie bei keinem seiner Stücke, zeichnet O'Neill ein Porträt seiner Familie», erklärt Regisseur Waller. Das 1941 vollendete Drama wurde erst Mitte der 1950er Jahre, nach dem Tod O'Neills, uraufgeführt. Der Sohn eines Schauspielerfamilie wurde für «Eines langen Tages Reise in die Nacht» posthum mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

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