Berlin (dpa) - CSU-Chef Horst Seehofer gerät in der Zuwanderungsdebatte zunehmend ins Abseits: Nach der FDP wollen auch immer mehr CDU-Politiker den Zuzug qualifizierter Ausländer erleichtern.

Anders könne der Fachkräftemangel nicht bewältigt werden, warnten Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Bildungsministerin Annette Schavan (beide CDU) am Wochenende. Seehofer legte jedoch nach und beharrte darauf, dass «Deutschland kein Zuwanderungsland» sei. Die Wirtschaft befürchtet, dass der Fachkräftemangel jedes Jahr ein Prozent Wachstum kostet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gab Seehofer am Samstag beim Deutschlandtag der Jungen Union (JU) zwar demonstrativ Rückendeckung und erklärte Multikulti für tot: «Dieser Ansatz ist gescheitert, absolut gescheitert.» Zugleich ließ sie aber offen, was sie von Forderungen auch aus der Wirtschaft hält, die Zugangshürden für gut ausgebildete Ausländer zu senken. Wichtig sei, dass man zunächst alles daran setze, die Menschen im eigenen Land zu qualifizieren, sagte die CDU-Vorsitzende nur.

JU-Chef Philipp Mißfelder machte sich am Sonntag überraschend für ein Punktesystem nach kanadischem oder australischen Vorbild stark. In diesen Ländern komme es auf allein auf die Qualifikation an, Herkunft oder Religionszugehörigkeit spielten keine Rolle, sagte der CDU-Politiker dem Onlinedienst n-tv.de.

Mißfelder griff damit einen Vorschlag der FDP auf, die sich seit langem für ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild starkmacht - und stellte sich somit offen gegen die CSU, die jede Erleichterung für Zuwanderer strikt ablehnt. Noch am Freitagabend war Seehofer von der Jungen Union in Postdam bejubelt worden, als er erklärte: «Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein ­ Multikulti ist tot!»

Seehofer zeigt sich jedoch unbeeindruckt von der Kritik an seinen Positionen. Laut «Focus» beharrt er in einem Sieben-Punkte-Papier darauf, dass «Deutschland kein Zuwanderungsland» sei und der Fachkräftemangel «kein Freibrief für ungesteuerte Zuwanderung» sein könne. Den Zuzug Hochqualifizierter hält er für «ausreichend geregelt».

Von der Leyen wirbt hingegen dafür, die Eintrittsschwellen für qualifizierte Zuwanderer zu senken. In der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» stellte sie die Vorrangprüfung infrage, die vorsieht, dass Deutsche oder EU-Bürger bevorzugt eingestellt werden müssen. Auch sollte Deutschland Abkommen mit Drittstaaten schließen, um gezielt qualifizierte Zuwanderer zu werben.