Berlin (dpa) - Wie Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle hat sich nun auch der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle für Lohnerhöhungen ausgesprochen.

«Wenn die Wirtschaft wächst und dieses Wachstum Substanz und Dauer hat, dann sollten die Früchte dieses Aufschwungs auch bei den Menschen ankommen, die hart dafür gearbeitet haben», sagte der Außenminister und Vizekanzler dem «Hamburger Abendblatt» (Samstag).

Zuvor hatte Brüderle (FDP) auf das Ende der Krise verwiesen und betont, dass kräftige Lohnerhöhungen möglich seien, wenn die Wirtschaft boome. Merkel unterstützte den Vorstoß ihres Wirtschaftsministers: «Das ist natürlich etwas, was Buchstabe für Buchstabe die Bundeskanzlerin ganz genauso sieht», sagte ihr Sprecher Steffen Seibert in Berlin.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kündigte an, sie wolle in den anstehenden Tarifrunden deutliche Lohnerhöhungen durchsetzen. Angesichts der labilen Situation auf den wichtigsten Exportmärkten seien kräftige Zuschläge notwendig, um die Konjunktur zu stützen. «Der Aufschwung steht nur auf einem Bein, er ist nahezu ausschließlich exportgetrieben», sagte Verdi-Chef Frank Bsirske dem Deutschlandfunk. «Wir brauchen dringend eine Stärkung des Binnenmarktes und da kommt der Lohnseite eine zentrale Bedeutung zu.»

Westerwelle betonte, Brüderle habe auf die Tarifautonomie hingewiesen, «gleichzeitig aber auch eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen». Gewerkschaften und Arbeitgeber hatten Brüderle Einmischung vorgeworfen. Nach Einschätzung der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute werden die Bruttolöhne im kommenden Jahr um 2,8 Prozent steigen.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, wies den Vorstoß für deutlich höhere Löhne scharf zurück. Zwar spreche angesichts der guten wirtschaftlichen Entwicklung nichts gegen Lohnerhöhungen, sagte er zu «Handelsblatt Online». «Umgekehrt darf man aber auch nicht vergessen, dass die deutsche Wirtschaft auf Massenentlassungen verzichtet hat, als es der Konjunktur im letzten Jahr schlecht ging.» Die wirtschaftliche Lage sei auch nicht in allen Branchen gleich gut. «Es wird deshalb auf Augenmaß ankommen.» Der DIW-Chef geht aber davon aus, dass es in den Branchen, in denen es brumme, zu kräftigeren Lohnsteigerungen kommen werde.

Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hatte Brüderle erwidert: «Das Tarifergebnis für die Stahlindustrie kann auf keinen Fall Maßstab für andere Bereiche sein.» DGB-Chef Michael Sommer stellte klar, dass Lohnerhöhungen allein die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern aushandeln. «Die Politik war immer gut beraten, dass sie sich da raushält.»