Ankara (dpa) - Zweimal klatschten die Abgeordneten im türkischen Parlament Beifall. Als Wulff dem «großen Volk der Türken» dankte für die Aufnahme von deutschen Verfolgten aus der Nazizeit und als er auf Türkisch den Staatsgründer Atatürk zitierte:

«Yurtta baris, dünyada baris - Frieden im Lande und Frieden in der Welt».

Diskussionen und Fragen sind bei Auftritten von Staatschefs vor Parlamenten nicht vorgesehen. Umso aufmerksamer und konzentrierter verfolgten die Parlamentarier an diesem Dienstag von ihren orangenen Sitzen im nur halb besetzten Parlament die Rede Wulffs.

Sie hatte eine historische Dimension. Zum ersten Mal sprach ein deutscher Bundespräsident vor dem Parlament in Ankara. Und es dürfte auch zum ersten Mal gewesen sein, dass ein fremdes Staatsoberhaupt so direkt auch die Probleme mit den ausgewanderten Landsleuten angesprochen hat. Machogehabe, Kriminalität, Verharren in Staatshilfe, lauteten Wulffs Stichworte.

Der Bundespräsident blieb sich weitgehend treu. Er wiederholte zwar nicht den seit dem 3. Oktober vielzitierten Kernsatz: «Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.» Er führte aber seine Linie - diesmal auf die türkische Gesellschaft gemünzt - fort. «Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei», sagte er und warb damit für Religionsfreiheit in dem überwiegend muslimisch geprägten Land.

Wulff baute der Türkei gewissermaßen eine Brücke in die EU, ohne Ankara ausdrücklich eine Vollmitgliedschaft in der Union konkret in Aussicht zu stellen. «Die Türkei kann zeigen, dass Islam und Demokratie, Islam und Rechtsstaat, Islam und Pluralismus kein Widerspruch sein müssen.» Wenn das gelingt, so die unausgesprochene Botschaft, dürfte die Tür zur EU für die Türkei auf Dauer kaum geschlossen bleiben.

Wulffs erster Tag des Staatsbesuchs hatte aber auch eine nach Deutschland gerichtete Botschaft. Die Integrationsdebatte ist aus seiner Sicht streckenweise aus dem Ruder gelaufen. Sonst hätte Wulff nicht zeitgerecht in einem Interview die Botschaft gegen «Pauschalurteile» platziert: «Zu behaupten, eine ganze Gruppe könne und wolle sich nicht integrieren, halte ich für falsch.» CSU-Chef Horst Seehofer dürfte es in den Ohren geklungen haben.