Hannover/London (dpa) - Ein Fehler in der Bilanz sorgt bei Europas größtem Reiseveranstalter Tui Travel für personelle und finanzielle Turbulenzen. Finanzchef Paul Bowtell wolle zum Jahresende seinen Posten zur Verfügung stellen, teilte der Tui-Konzern am Donnerstag in Hannover mit.

Nachdem Prüfungen einen zusätzlichen Abschreibungsbedarf von 120 Millionen Euro ergaben, hätten sich Bowtell und Tui-Travel-Chef Peter Long auf den Rücktritt geeinigt. Die Aktienkurse von Konzernmutter und Tochter rutschten zunächst deutlich ab.

Grund für die Korrekturen für mehrere vergangene Geschäftsjahre sei ein Computerproblem beim Abgleich bestehender Forderungen bei Tui Travel gewesen, hieß es: «Es gab da ein fehlerhaftes Rechnungslegungs-System. Das hat über Jahre angehalten.» Mit nachträglichen Belastungen aus dem operativen Geschäft hätten die Wertberichtigungen aber nichts zu tun, betonte ein Sprecher.

Die Aktien der Tui AG gaben nach Bekanntgabe der Bilanzkorrektur merklich nach. Die Papiere fielen anfangs um mehr als 3 Prozent. Zeitweilig waren sie Schlusslicht im MDax. Für Tui-Travel- Anteile ging es an der Londoner Börse noch tiefer in den Keller.

Aus dem Konzern hieß es, man habe frühzeitig darauf gedrungen, die Buchungsfehler zwischen Reiseveranstaltern und dem Vertrieb von Tui Travel in Großbritannien aufzuklären. Bei der Analyse der Datenlücken waren für das Ende September 2009 abgelaufene Geschäftsjahr beim Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen auf Unternehmenswerte (bereinigtes EBITA) Belastungen von 45 Millionen Euro aufgetaucht. Weitere 75 Millionen Euro stammen aus früheren Jahren. Diese Werte würden nun im Eigenkapital des Jahres 2009 verbucht. Barreserven und Verschuldung des Konzerns blieben von der Bilanzpanne unberührt.

Long bedauerte den Rückzug seines langjährigen Vertrauten Bowtell. «Er ist einer der fähigsten Finanzchefs, die ich kenne», sagte der Tui-Travel-Chef. Bowtell gehörte über sechs Jahre lang zu Longs Team. Beide führten auch den früheren Tui-Konkurrenten First Choice. Der Tui-Konzern in Hannover hatte sein gesamtes Pauschalreise- Geschäft bei der Fusion mit dem britischen Anbieter im September 2007 bei Tui Travel in London gebündelt. Tui hält an Tui Travel mit mehr als 50 Prozent die Kontrollmehrheit. Die Gesellschaft ist weltweit aktiv und hat nach eigenen Angaben mehr als 30 Millionen Kunden.

Für das vor drei Wochen beendete Geschäftsjahr 2009/2010 hält die Tui-Führung dennoch an ihrer optimistischen Prognose fest. Die Ertragsentwicklung der Touristiksparte soll demnach stabil bleiben. Der Vorstand erwartet auch im Gesamtkonzern ein positives Ergebnis.