Berlin (dpa) - Renate Künast ist nicht zu sprechen. Dabei dreht sich alles um die 54-Jährige. Was seit Wochen als wahrscheinlich gilt, wird immer klarer: Die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag will im Herbst 2011 gegen Klaus Wowereit (SPD) antreten und Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden.

Gelingt der Ex-Agrarministerin die Ablösung Wowereits in der Hauptstadt, könnte sie die Grünen im deutschen Parteien-System neu positionieren.

Die wochenlangen Spekulationen gehen mit einer trockenen Mitteilung zu Ende. Die Berliner Grünen laden zu einem Mitgliederabend mit Künast am 5. November, zwei Tage vor einem Landesparteitag. Der Abend werde ohne Enttäuschungen ablaufen, schiebt der Sprecher hinterher. Der Veranstaltungsort im Museum für Kommunikation in Berlin-Mitte ist hintersinnig ausgewählt. Die Grünen reizte nach eigener Aussage die dort derzeit laufende Ausstellung zum Thema Gerüchte. In der Bundestagsfraktion sind sich Abgeordnete, die nah dran sind, sicher: Sie macht es.

Künast hat alle Chancen. In der jüngsten Forsa-Umfrage kommen die Grünen in der Hauptstadt mit 30 Prozent auf vier Punkte mehr als die SPD. Die CDU dümpelt bei 16, die Linke bei 15 Prozent. Die FDP verpasst demnach mit 3 Prozent den Einzug ins Abgeordnetenhaus.

Doch die Risiken sind hoch - die Kernfrage: Ist Wowereit zu einer Koalition unter Führung der Grünen bereit? SPD-Landeschef Michael Müller hat im Sommer die Parole ausgegeben, er könne sich nicht vorstellen, dass es auf einem SPD-Parteitag eine Mehrheit für solch eine Junior-Partnerschaft gebe. Doch beide könnten schnell weg vom Fenster sein, wenn die SPD bei der Wahl am 18. September 2011 einbricht, wie der Berliner Grünen-Fraktionschef und Künast-Intimus Volker Ratzmann meint. Eine Alternative könnte Grün-Schwarz sein: Schon am Wochenende hat Künast verraten, dass auch die CDU als Partner infrage kommen könnte.

Der Kampf der Berliner Giganten Wowereit gegen Künast hat jetzt voll begonnen. «Wenn sie in Berlin kandidieren will, dann aber bitte ohne Wenn und Aber», keilt Wowereit in ihre Richtung. «Eine Rückfahrkarte in die Bundespolitik, die Frau Künast sich offenbar bereit halten will, schadet Berlin.» Und an die Adresse von Ratzmann und Co. giftete Wowereit erneut: Berlins Grüne könnten Verstärkung gebrauchen, insofern begrüße er eine Kandidatur Künasts.

Beide kennen sich aus dem Abgeordnetenhaus, ihr Verhältnis ist nach beider Bekunden gut. Doch klar ist: Als routinierter Wahlkämpfer kann Wowereit groß austeilen - und seine Ansage gilt: «Abgerechnet wird zum Schluss.» Wurde der Regierende über Monate als lustlos, ideenlos und arrogant kritisiert, bemüht sich Wowereit wieder um mehr Präsenz und zeigt sich als Kümmerer. Seine bundespolitischen Ambitionen könnte er im Fall einer Abwahl nach zehn Jahren vollends begraben.