München (dpa) - Viel Applaus, aber auch unüberhörbare Buhrufe - recht unterschiedlich hat das Publikum am Samstagabend die spannende, aber keineswegs märchenhafte Inszenierung von Antonín Dvoráks Oper «Rusalka» durch Regisseur Martin Kusej an der Bayerischen Staatsoper in München aufgenommen.

Der Österreicher Kusej, der 2008 bereits Giuseppe Verdis «Macbeth» am Nationaltheater inszenierte, verzichtet bewusst auf jegliche Romantik. Seine Deutung erinnert an den Fall Natascha Kampusch oder das Inzestdrama von Amstetten.

Vor der schönen heilen Welt eines Alpenpanoramas hält der Wassermann, in Trainingshose und Bademantel, im Keller seiner Wohnung junge Mädchen und Kinder gefangen, die er immer wieder vergewaltigt, darunter auch Rusalka. Die Hexe Jezibaba ist bei Kusej die ähnlich bedrohliche Ehefrau des Wassermanns, die genau weiß, was im Keller passiert. Rusalka sehnt sich danach, den Keller zu verlassen, um zu den Menschen zu gehören und Liebe zu finden.

Doch sie ist nicht fähig, in der Welt der Menschen zu überleben. Vom Prinzen mit der fremden Fürstin betrogen, kehrt sie zurück in das Haus des Wassermanns, zu dem sie eine ambivalente Nähe-Hass-Beziehung hat. Nachdem dieser im Keller den Förster ermordet, kommt man ihm auf die Spur. Die letzte Szene zeigt Rusalka nicht wie im Libretto als Irrlicht, sondern mit ihren Schwestern im Irrenhaus, in das ihr auch der Prinz folgt und in ihren Armen Selbstmord begeht.

Martin Kusejs Konzept (Bühnenbild: Martin Zehetgruber, Kostüme: Heidi Hackl) ist in sich schlüssig. Selbst der Tanz der Bräute mit gehäuteten Rehen passt erstaunlicherweise zur tiefromantischen Musik Antonín Dvoráks. Und die Szenen mit den Wildtieren kommen auch mit Reproduktionen statt echter Tierkadaver gut rüber. Tierschützer hatten sich darüber erregt, dass ein totes Reh auf der Bühne gehäutet werden sollte.

Einen großen Anteil am Erfolg der Personenregie hat die junge lettische Sopranistin Krístine Opolaís, die zu Beginn der Proben Nina Stemme ersetzte - es ist ihr Staatsoperndebüt. Ihre schauspielerische Leistung gehört zum Besten, was man in München seit langem gesehen hat. Die Stimme ist nicht ausnehmend schön - das berühmte Lied an den Mond könnte mit mehr Süße gesungen werden -, aber ausdrucksvoll.

Klaus Florian Vogt (Prinz) singt mit gewohnter Mühelosigkeit und feinster Lyrik, das Timbre bleibt Geschmackssache. Günter Groissböck (Wassermann) erhielt für seine auch stimmlich gut zum brutalen Charakter passende Darstellung fast mehr Applaus als Vogt. Janina Baechles Jezibaba ist sehr zurückhaltend und wenig dämonisch. Nadia Krasteva gibt eine sinnliche, temperamentvolle fremde Fürstin. Der tschechische Dirigent Tomas Hánus dirigierte nach «Jenufa» seine zweite Produktion an der Staatsoper und erhielt viel Applaus für sein zügiges, nicht sonderlich sentimentales Dirigat.