Lübeck (dpa) - Für die einen ist sie immer noch die «Staatsschriftstellerin» der ehemaligen DDR. Für andere, wie zum Beispiel Günter Grass, ist Christa Wolf reif für den Nobelpreis.

In einem Festakt im Theater der Hansestadt Lübeck ist die 81-Jährige am Sonntag mit dem Thomas-Mann-Preis 2010 ausgezeichnet worden. Die Entscheidung der Jury zeige, dass Herkunft und Politik keine Rolle gespielt habe, wohl aber die deutsche Sprache, die schon für Thomas Mann die Unteilbarkeit Deutschlands versinnbildlicht habe, sagte der Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe (SPD).

Er überreichte die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung gemeinsam mit dem Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer. In ihrer Dankesrede schilderte die Schriftstellerin, die mit einer Gehhilfe auf die Bühne kam, wie Thomas Manns Werk sie nachhaltig beeinflusst hat. «Sein "Dr. Faustus" gehörte zu den Büchern, die mir halfen, in das Wesen, vielmehr Unwesen des deutschen Faschismus einzudringen», sagte sie.

Die aus der DDR stammende Autorin habe in ihren Romanen und Erzählungen die Kämpfe, Hoffnungen und Irrtümer ihrer Zeit kritisch und selbstkritisch befragt und mit tiefem moralischen Ernst und erzählsicherer Kraft geschildert, heißt es in der Begründung der Jury. Es sei vor allem ihre Ehrlichkeit und Gradlinigkeit, für die ihre Leser sie schätzten, sagte Saxe.

In seiner Laudatio ging das Akademiemitglied Peter Gülke ausführlich auf Wolfs Verhältnis zur DDR und deren Machtapparat ein. Sie sei eine Dichterin, deren Wort hüben und drüben viel bedeutet habe und noch bedeute. Sie habe versucht, die eigene Glaubwürdigkeit auf die Prämisse eines Staatswesens zu beziehen, das bald seine Glaubwürdigkeit verspielt hatte, sagte Gülke.

Nachdem 1993 bekanntgeworden war, dass Wolf Ende der 1950er Jahre als IM «Margarethe» für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR gearbeitet hatte, wurde sie von Kritikern als «Staatsdichterin» diffamiert. «In dem Staat, zu dem Christa Wolf als "Staatsdichterin" passen würde, hätten selbst die gerne leben mögen, die ihr das Etikett anzukleben versuchten», sagte Gülke vor rund 700 Gästen, darunter Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) und Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Er ist mit Wolf befreundet.

Wolf ist die erste Trägerin des neuen Thomas-Mann-Preises, der im vergangenen Jahr aus der Zusammenlegung des Thomas-Mann-Preises der Hansestadt Lübeck und des großen Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hervorgegangen ist. Die Verleihung erfolgt im jährlichen Wechsel in Lübeck und München.