Berlin (dpa) - Auch nach dem neuen Rückschlag für Michael Ballack traut Joachim Löw dem DFB-Kapitän die Rückkehr in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu, warnt alle Beteiligten aber zugleich vor übereilten Aktionen.

«Es ist wichtig, dass man bei ihm jetzt nicht alles überreizt. Er muss erst wieder richtig gesund werden», sagte der Bundestrainer. Dass der 34-jährige Ballack erst im neuen Jahr mit einer kompletten Vorbereitung bei Bayer Leverkusen einen neuen Anlauf nimmt, hält Löw für die «richtige Entscheidung». Ein oder zwei Spiele noch im Dezember hätten nicht viel Sinn gemacht.

«Etwas zu erzwingen, geht meist in die falsche Richtung», sagte Löw in Berlin. Der Bundestrainer hält Ballack «für ehrgeizig genug», dass er auch nach der neuen Diagnose zurückkommt. In mehreren Zeitungs-Interviews hatte er schon zuvor betont, dass es derzeit keinerlei Anlass geben würde, irgendwelche personellen Entscheidungen zu treffen - auch nicht im Fall Ballack. «Man will immer so endgültige Aussagen von mir. Warum? Ich habe vor Länderspielen und Turnieren Zeit genug, mich zu entscheiden», erklärte der 50-jährige Freiburger.

Zwar hat Löws WM-Analyse, die er kürzlich auch dem Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) präsentiert hatte, klar ergeben, dass die erfolgreiche Weltmeisterschaft in Südafrika eng mit der Verjüngung des Teams in Zusammenhang steht. Dennoch sagte der Bundestrainer auch: «Es gibt hervorragende Spieler, die älter sind als 30.» Im Fall des 98-maligen Nationalspielers Ballack aber geht es Löw nach fünfmonatiger, nur kurz unterbrochener Verletzungspause für den Nationalmannschafts-Kapitän um den «richtigen Zeitpunkt» der Wiedereingliederung. «Ich bezweifele damit nicht seine Klasse. Er hat doch unsere Philosophie über Jahre mit getragen und geprägt.»

Dass Löws Ansprüche an modernes Spiel bei der WM auch ohne Ballack vom zweitjüngsten deutschen WM-Kader erfüllt werden konnten, macht den DFB-Coach sogar ohne den angestrebten Titel stolz. «Keine Mannschaft der Welt ist schneller nach Ballbesitz zum Abschluss gekommen als wir», sagte der Bundestrainer. «Das bedeutet mir ähnlich viel wie vielleicht auch ein Titel.» Auch die wenigsten Fouls und die meisten Ballgewinnen aller WM-Teams stehen in Löws Südafrika-Analyse. Die positive Entwicklung sei auch daran zu messen, dass die Zeit von der Ballannahme bis zur Abgabe bei jedem DFB-Spieler durchschnittlich von 2,8 Sekunden (2005) auf 1,1 Sekunden (2010) gesunken sei. Nur Weltmeister Spanien ist auch in dieser Wertung besser.

Für Löw bleibt auch der Vergleich mit den Weltbesten der Maßstab für seine Arbeit: «Deshalb schaue ich nach Spanien, Argentinien oder England.» Bundesliga-Aufsteiger wie Lewis Holtby, André Schürrle (beide Mainz), Mario Götze oder Mats Hummels (beide Dortmund) haben laut Löw sicher gute Voraussetzungen. «Aber beurteilen, ob diese Spieler in der Lage sind, auf dem höchsten Niveau zu spielen bei so einem Turnier, das kann ich noch nicht», erklärte der Bundestrainer. «Wir haben junge Spieler, die talentiert und entwicklungsfähig sind», unterstrich Löw. «Unzählige Talente» aber gebe es nicht, ergänzte er mit speziellem Hinweise auf die linke Abwehrseite. Um Weltmeister zu werden, brauche man auch die besten Spieler der Welt.