Lexington (dpa) - Bei seiner letzten Chance mochte Carsten Otto-Nagel gar nicht mehr hinsehen. Während der Belgier Philippe le Jeune ritt und fast alle anderen Reiter gebannt auf einen kleinen TV-Schirm am Abreiteplatz schauten, saß der 48 Jahre alte Springreiter aus Wedel am Rande auf einem Zaun.

Fünf Strafpunkte - und Nagel wäre noch ins WM-Finale gerutscht. Doch der Belgier blieb mit Vigo fehlerfrei und ritt ins Finale der besten vier Springreiter. Nagel hingegen scheiterte denkbar knapp als Fünfter. Der Norddeutsche benötigte ein paar Minuten, ehe er den undankbaren Platz und das Scheitern in Worte fassen konnte. «Ich bin super-enttäuscht», sagte Nagel. «Es ist bitter, wenn man so nah dran ist.» So darf er nur zuschauen, wenn vier andere in Lexington um den Titel des Weltmeisters reiten: Der Brasilianer Rodrigo Pessoa (Brasilien) mit Rebozo, Eric Lamaze (Kanada) mit Hickstead, Abdullah al Sharbatly (Saudi Arabien) mit Seldana und der Belgier Le Jeune mit Vigo.

«Natürlich hatte ich darauf gehofft, dabei zu sein», sagte Nagel. Sein Pferd habe «nur eine Stange berührt - und die ist dann gefallen.» Nagel versuchte, das Positive zu suchen: «Noch schlimmer ist es, im Finale zu reiten und dann Vierter zu werden».

Trost gab es von seiner Teamkollegin und ehemaligen Schülerin Janne-Friederike Meyer. «Dank dir sind wir Mannschafts-Weltmeister», sagte die 29-Jährige aus dem benachbarten Schenefeld. Nagel entgegnete: «Und wegen dir.» Das Team-Gold war der beste Trost für Nagel. «Ich will mich nicht beklagen», sagte der Vize-Europameister. «Erster mit dem Team und Fünfter im Einzel, das ist trotzdem ein Riesenergebnis für mich und mein Pferd.»

Zweitbester Deutscher war Marcus Ehning. Der Weltcup-Sieger aus Borken kassierte zunächst vier Strafpunkte und verletzte sich an der rechten Hand, kam nach einer strafpunktfreien Runde aber zum Abschluss auf Rang 16. «Ich weiß nicht, wie es passiert ist», sagte Ehning, nachdem ihn der Tierarzt Jan Hein Swagemakers notdürftig mit Eis und Verbandszeug versorgt hatte. «Ich habe es beim Rausreiten gemerkt», erklärte er. Trotz Bänderdehnung und Bluterguss trat er auch zum zweiten Umlauf an. «In der letzten Runde hat er gezeigt, dass er es kann», sagte Ehning über Plot Blue. Nach vier Umläufen mit je vier Strafpunkten blieb Ehning mit dem Hengst im angeschlagenen Zustand fehlerfrei.

Meyer und Meredith Michaels-Beerbaum (Thedinghausen) gaben auf. «Der Titel war ja schon vorher kein Thema mehr, jetzt will ich Checkmate schonen», erklärte sie ihren Verzicht auf die zweite Runde nach einer Verweigerung und einem Abwurf. «Ich habe Gold und eine süße Tochter, deshalb bin ich total zufrieden», sagte die 40-Jährige. Von den US-Fans wurde die gebürtige Amerikanerin dennoch gefeiert.

Nach dem Team-Gold erlebte auch Meyer einen ernüchternden Abend. «Ich kann nicht von Enttäuschung sprechen», kommentierte die WM-Debütantin aus Schenefeld ihre Abwürfe mit Lambrasco. «Das Pferd ist schon drei richtig schwere Runden gegangen», sagte sie. Zur zweiten Runde trat sie nicht mehr an: «Das ist mein einziges Toppferd, da muss ich auf die Kräfte aufpassen.»