Köln (dpa) - Im zweiten Stock der Kölner Stadtbibliothek scheint Heinrich Böll noch lebendig, dort ist sein Arbeitszimmer im Originalzustand wieder aufgebaut worden. Der abgestoßene Schreibtisch, die selbst zusammengezimmerten Beistelltischchen, das Bambusbett mit der Baskenmütze über einem der Pfosten.

Es sieht so aus, als würde er gleich wieder hereinkommen, husten, wie dies nur ein jahrzehntelanger Raucher tun kann, und dann mit seiner tiefen Stimme sagen: «So, dann woll'n wir mal wieder.»

Tatsächlich aber ist es so, dass sich kaum jemand in der Stadtbibliothek bis zu Bölls Arbeitszimmer verirrt. 25 Jahre nach seinem Tod ist es still geworden um den Nobelpreisträger. Sehr still. Am Mittwoch allerdings wird er zumindest kurzzeitig wieder Thema sein: In Berlin wird dann die komplette 27-bändige Werkausgabe vorgestellt. Neun Jahre ist daran gearbeitet worden.

Jochen Schubert (53) von der Heinrich-Böll-Stiftung war die ganze Zeit beteiligt. Sein Büro liegt direkt hinter dem wieder aufgebauten Arbeitszimmer. Die Regale sind zugestellt mit Pappkartons aus dem Historischen Stadtarchiv mit der Aufschrift «Böll». Es war Glück im Unglück, dass sie zum Zeitpunkt des Einsturzes gerade ausgelagert waren.

Die Werkausgabe ist keine Gesamtausgabe; sie enthält zum Beispiel nicht die Briefe des Schriftstellers und andere unveröffentlichte Texte, denn sonst hätte sie noch um ein Vielfaches umfangreicher werden müssen.

«Diese Ausgabe ist der Versuch, nicht nur das gesamte Werk Heinrich Bölls zu präsentieren, sondern vor allem auch seine Entwicklung», erläutert Mitherausgeber Ralf Schnell (67). Mit vielen Kommentaren und ergänzendem Material wird der Weg von den ersten pathetisch-expressiven Gedichten der Vorkriegszeit bis zu den ernüchterten Eindrücken des Spätwerks nachgezeichnet. Essays und Interviews dokumentieren, welche Themen den Autor zu welcher Zeit bewegt haben. «Das Panorama Böll», nennt es Schubert.

Bölls Arbeitsweise wirkt heute schon wie aus einer lang vergangenen Epoche: Er brachte einen Text zunächst einmal ganz zu Papier und tippte ihn dann noch mal und noch mal. Das war bei einem dreiseitigen Essay genauso wie bei einem Roman von mehreren hundert Seiten. Da er alles aufbewahrte, können die Forscher heute genau rekonstruieren, wie das Werk Gestalt annahm. Im Computer-Zeitalter unvorstellbar; da löscht und überschreibt man einfach. «Die moderne Schreibweise ist die Vernichtung von Entstehungsgeschichte», meint Schubert bedauernd.