Moskau (dpa) - Leo Tolstoi galt als einer der größten Schriftsteller, Philosophen und Sozialutopisten des 19. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren starb «Russlands Gewissen» im Alter von 82 Jahren.

Für viele Russen brach mit dem Tod ihres Jahrhundertschriftstellers Leo Tolstoi eine Welt zusammen. Als der Autor der international geschätzten Klassiker «Krieg und Frieden» und «Anna Karenina» 1910 im bescheidenen Häuschen eines Bahnwärters in Astapowo starb, verlor das Land einen seiner größten Denker, eine moralische Instanz. Der Todestag fiel nach westlichem Kalender auf den 20. November - in Russland aber, wo noch die vorrevolutionäre Zeitrechnung galt, auf den 7. November. Heute erinnern Russlands Medien voller Ehrfurcht an das Ende des schon zu Lebzeiten weltweit verehrten Genies und Sozialutopisten.

Auch von seinen deutschsprachigen Kollegen Thomas Mann und Stefan Zweig wurde Tolstoi geschätzt, woran etwa eine Ausstellung im Literaturhaus München bis 30. Januar erinnert. Dort stehen Tolstois Kontakte auch mit deutschen Lesern im Vordergrund, seine Reisen nach Deutschland, wo er sich besonders auch für die Volksbildung interessierte. Russland aber schaut zum Todestag eher auf die letzten Tage des 82-Jährigen. Der alte Tolstoi galt damals als eine Art «Gegenzar», wie der französische Dokumentarfilmer und Kulturminister Frédéric Mitterrand einmal meinte, als kritisch-fragender Geist und Gewissen Russlands.

Ausgerechnet zum Sterben hatte der Greis das von ihm so geliebte malerische Jasnaja Poljana - rund 200 Kilometer südlich von Moskau - verlassen. Es war der Ort, wo er als Spross eines Adelsgeschlechts 1828 zur Welt kam. Dort wurde er im Alter von neun Jahren Vollwaise. In Jasnaja Poljana, wo heute ein Museum und ein schmuckloser Grashügel als Grab an den Schriftsteller erinnern, ließ er seine Frau Sofia, mit der er 48 Jahre verheiratet war und die ihm 13 Kinder geboren hatte, zurück. «Ich tue das, was Alte in meinem Alter tun sollten: sie gehen aus dem Leben, um ihre letzten Tage in Einsamkeit und Ruhe zu verbringen», schrieb er zum Abschied an Sofia.

Tolstoi wusste seinen Tod zu inszenieren - wie er schon sein Leben mit Sofia als Spektakel medienwirksam zu vermarkten vermochte. Dass der bärtige Einsiedler sich in ein armseliges Bett zum Sterben zurückzog und in einem einfachen Holzsarg bestatten ließ, passte sicher zu dem von ihm immer wieder gepredigten einfachen Leben, das er allerdings selbst so nie führte. «Ich kann nicht mehr leben unter diesen Bedingungen des Luxus», hieß es auch in dem Brief.

«Es waren zehn Tage, die die Welt in Staunen versetzten», sagt der russische Publizist Pawel Bassinski über die Sterbereise. In seinem neuen Buch «Leo Tolstoi: Flucht aus dem Paradies» umreißt er diese für die Familie so schmerzhaften Momente, bis der exkommunizierte Christ morgens um 6.05 Uhr an einer Lungenentzündung starb.

In Filmbilder übersetzt sehen dies die Russen gerade in dem US-Kinostreifen «Ein russischer Sommer», der in den deutschen Kinos schon zu Jahresbeginn gelaufen war. In der Rolle des graubärtigen, bärbeißigen Tolstoi gibt Christopher Plummer mit Helen Mirren als Sofia einen Einblick in das spannungsreiche Eheleben. Auch Wladimir Tolstoi, der das Andenken in Jasnaja Poljana wachhält, erinnert an das dramatische Leben seines Ururgroßvaters. Als Graf hatte Tolstoi zwar ein privilegiertes Leben geführt, kannte aber selbst die Schrecken des Krieges, den er im Kaukasus und auf der Krim erlebte.