London/Dublin (dpa) - Als Irlands Premier Brian Cowen am Sonntagabend für die notleidenden Staatsfinanzen unter dem Euro- Rettungsschirm Schutz suchte und im selben Atemzug sein Volk zur Solidarität aufrief, schwante ihm schon nichts Gutes. Er sollte Recht behalten.

Die Inselrepublik ist tief gespalten und jetzt zeigt sie dies auch. Die Grünen, Juniorpartner von Cowens Partei Fianna Fáil in der Regierungskoalition, gingen am Montag stiften und forderten Neuwahlen.

Cowen wurde zur Stellungnahme gezwungen. Eine halbe Stunde bevor er vor die Presse treten wollten, rumorte es, er wolle zurücktreten. Entweder das stimmte nicht, oder der 50-Jährige hat es sich kurzfristig anders überlegt: «Diese Regierung wird weiterarbeiten», sagte er hartnäckig. Neuwahlen werde es frühestens Anfang nächsten Jahres geben. Diese Option knüpfte er schlitzohrig an die Verabschiedung des für Irland so wichtigen Haushalts 2011 mit tiefen Einschnitten von sechs Milliarden Euro. Britische Medien zogen die Parallele zu Margaret Thatcher, die einst sagte: «The Lady is not for turning» («Die Dame bleibt bei ihrer Linie).»    

Die Opposition mit den Parteien Fine Gael und Labour hatten zuvor Cowen scharf angegriffen und die sofortige Auflösung des Parlaments gefordert. Irische Medien brachten zudem Meldungen, wonach unabhängige Abgeordnete durchblicken ließen, sie werden den Haushalt nicht mittragen. Cowen hat im Parlament nur eine hauchdünne Mehrheit und ist neben den Grünen auf mindestens einen der Unabhängigen angewiesen, will er die Regierungsbeschlüsse durchboxen. Im Gleichschritt mit der ökonomischen ist jetzt auch die politische Krise im gebeutelten Irland perfekt.

Die Experten in Irland wundern sich. «Wir dachten, wir sind über den Berg», sagt Ralf Lissek, Geschäftsführer der deutsch-irischen Handelskammer. Die Exporte zogen zuletzt stark an, die Zeichen standen wieder auf Wachstum. Viele ausländische Unternehmen mit tausenden Arbeitsplätzen hatten sich auf der grünen Insel niedergelassen und eine moderne Infrastruktur geschaffen.

Doch offensichtlich wurde im Finanzministerium falsch gerechnet. Was Finanzminister Brian Lenihan noch am 30. September als «Schlussrechnung» bezeichnet hat - staatliches Zubuttern für die nach einer geplatzten Immobilienblase maroden Banken in Höhe von insgesamt 50 Milliarden Euro - ist offensichtlich längst nicht das Ende der Fahnenstange.

Und es sind nicht nur die Banken. Kleinlaut mussten Lenihan und Cowen am Sonntagabend auch zugestehen: Die laufenden Kosten aus dem Haushalt sind mit 19 Milliarden Euro unterfinanziert. Mit anderen Worten: Fast ein Drittel fehlt. Zuvor hatten beide Politiker mehrmals und übereinstimmend gesagt: «Der Haushalt ist bis 2011 durchfinanziert.» Viele Iren entluden ihre Wut darüber am Montag bei Demonstrationen vor dem Parlament. «Lügner» war noch eine der milderen Beschimpfungen für die Polit-Führung ihres Landes.