Hannover (dpa) - Einzelne Daten gab es schon länger, doch jetzt fügten sich die nüchternen Zahlen zu einem alarmierenden Gesamtbild: In der Region rund um das marode Atommülllager Asse sind in den vergangenen Jahren weitaus mehr Menschen an Leukämie erkrankt als im statistischen Mittel.

Politiker aller Parteien zeigten sich am Freitag bestürzt und forderten eine rasche Untersuchung möglicher Zusammenhänge mit radioaktiven Stoffen oder einer zu hohen Strahlenbelastung. Ein Nachweis wäre - ähnlich wie bei den Blutkrebs-Fällen in der Nähe des Kernkraftwerks Krümmel in der Elbmarsch - indes schwierig zu führen.

Die niedersächsische Landesregierung versprach, dem Problem auf den Grund zu gehen. Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU), in deren Haus die Daten zusammengetragen wurden, dringt auf eine «zügige, transparente Aufklärung» mit Hilfe des Landkreises Wolfenbüttel. Aus der Staatskanzlei in Hannover hieß es, auch Ministerpräsident David McAllister (CDU) wolle «in bestmöglicher Weise» dazu beitragen.

SPD-Bundeschef Sigmar Gabriel, zu dessen Wahlkreis das betroffene Gebiet gehört, forderte ein breit angelegtes Untersuchungsprogramm mit Beteiligung des Bundes. Die Vize-Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, kündigte in der «Braunschweiger Zeitung» (Samstag) an, am kommenden Mittwoch im Umweltausschuss einen Bericht der Bundesregierung zu den Krebsregistern einzufordern. Gabriel sagte dem Blatt, die Ergebnisse seien «Besorgnis erregend». Ein direkter Nachweis eines Zusammenhangs lasse sich aber oft nicht erbringen.

Nach Einschätzung der Nuklearmedizinerin Elke Bruns-Philipps aus dem Landesgesundheitsamt gibt es für den Blutkrebs-Anstieg in der Samtgemeinde Asse zwischen 2002 und 2009 bislang keine schlüssige Erklärung. «Wir wissen um die Häufigkeit, können aber noch keine weitergehenden Analysen zu einzelnen Patienten machen.» Die Daten lägen in anonymisierter Form vor. Nachfragen bei Ärzten sollen nun konkrete Hinweise liefern, ob die Kranken in der Grube arbeiteten.

Seit 1966 überwachen die Behörden in der Umgebung des lecken Salzbergwerks, in dem große Mengen Atommüll lagern, die Luft, das Grundwasser und den Boden auf Gammastrahlung und radioaktive Stoffe. «Seither ist kein Eintrag in der Umgebung aus der Asse festgestellt worden», berichtete eine Sprecherin des Umweltministeriums. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) unterstrich, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine Gefahren von der Asse ausgehen. Das zeigten Messungen über und unter Tage. Das BfS ist seit 2009 für das Atommülllager zuständig.

In einem Vermerk des Sozialministeriums ist von 18 neuen Leukämie- Fällen in der Samtgemeinde die Rede - erwartet wurden in der 10 000- Einwohner-Gemeinde für den Zeitraum von 2002 bis 2009 nur acht. Die Zahl neuer Erkrankungen mit Schilddrüsenkrebs stieg in Asse nach Regierungsabgaben bei Frauen und Männern um mehr als das Dreifache. «Das ist ein Ergebnis, das Anlass zur Sorge gibt.»