Frankfurt/Main (dpa) - Am Ende entsorgt Beth Ditto ihre silbrigen Nieten-Ballerinas und klettert barfuß ins Publikum. Einmal quer durch die Frankfurter Jahrhunderthalle marschiert die kugelige 1,55-Meter-Frau. Ohne Bodyguard, und trotzdem zerrt niemand an ihr.

Die groovende Masse lässt die Gossip-Frontfrau durch eine Minigasse tänzeln. Ditto knotet sich von irgendwem einen Pulli um den Hals. «Das ist meiner», behauptet sie in niedlichem Deutsch und schmettert vom Mischpult am anderen Hallenende Dolly Partons «I Will Always Love You». Da ist der Deutschland-Auftakt des US-Post-Punk-Trios leider vorbei.

Dabei gab es vor allem die dralle Lesbe Beth Ditto pur. Die 29-Jährige mit Trailer-Park-Vergangenheit stampft, sie schwitzt, sie wischt sich wie ein Kerl mit einem Handtuch das Gesicht ab. Sie ist total vulgär, eine Pause erklärt sie so: «Ich musste scheißen!» (auch auf Deutsch). Aus ihrer Herpes-Blase an der Oberlippe macht sie kein Hehl: Der Tomboy-Drummerin Hannah Blilie droht sie mit ihrem «Herpes Mikrofon» und wünscht sowieso allen an diesem Abend Herpes. Dittos Stimme zu den Souldiscopunk-Klängen von Gossip ist so wuchtig wie sie selbst. Kurzum: Das versammelte Publikum scheint zu beschließen: Von heute an verbiege ich mich für nichts und niemanden mehr auf dieser Welt!

«Ich wache auch nicht jeden Morgen auf und fühle mich leicht», gab die 95-Kilo-Stilikone mal zu, die schon nackt Hochglanz-Magazine zierte. «Aber ich umarme meine Makel.» Und umarmt wird Ditto nicht nur von ihren 4800 Anhängern in der ausverkauften Jahrhunderthalle, sondern auch von der Gay-Community, für die sie seit der Hymne «Standing in the Way of Control» (2006) ein Sprachrohr ist. Sie ist eine Feministinnen-Ikone und Muse für Modemacher. Karl Lagerfeld nannte sie jüngst bei der Bambi-Verleihung, als Gossip das Rehkitz in der Kategorie «Pop International» abholten, einen «strammen Brummer». Der Diätbuch-Schreiber meinte das liebevoll.

In der Main-Metropole belässt es Ditto bei nur zwei, mittelmäßig extravaganten Kostümen. Zu Beginn der eineinhalbstündigen Show steckt sie im rosafarbenen Leoparden-Schlauch-Kleid, dann im schwarzen, das wie ein einziger überdimensionaler Reißverschluss aussieht. Die schwarzen Haare mit dem Kurz-Pony scheinen länger und lockiger als sonst. Wohl ein Haarteil. Dazu Augen-Make-up: Karikierte Katzenaugen.

Jedenfalls geht es am Montagabend nicht nur um Show. Die Bühne ist alles andere als spektakulär, ein paar Scheinwerfer, hinten ein Band-Logo, dazu zwei Leinwände, die im Retro-Amateurfilm-Stil die stampfende und hüpfende Kugel Ditto vergrößern. Eine pure Bühne wie man sie von den Grunge-Größen Pearl Jam und Nirvana kennt. Als kleinen Gruß an Nirvana stimmt Ditto auch kurz «Smells Like Teen Spirit» an. Aber Gossip ist doch noch mehr als Punk. Das Trio covert auch gern Tina Turners «What's Love Got to Do with It».

Ein Highlight ist natürlich Gossips Super-Hit «Heavy Cross» von ihrem vierten, aktuellen Erfolgsalbum «Music for Men» (2009). Die Menge - darunter Teenies, stylische Lesben, Ditto-Doubles, aber auch 50-jährige Normalo-Ehepaare - singt lauthals «uhuhuhu». Ansonsten ruft Ditto oft einfach so «Kuckuck». Ihr Frankfurter Cousin Thomas, den sie zu sich auf die Bühne holt, weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Eine solche Cousine wünscht sich aber irgendwie jeder.