Hannover/Gorleben (dpa) - Niedersachsen droht zum Atommüll-Grab Deutschlands zu werden: Der radioaktive Abfall soll vor allem im Norden landen. Atomkraftgegner fordern von Schwarz-Gelb eine Kehrtwende - dabei wird Gorleben jetzt wieder zum Zentrum der Anti-Atom-Bewegung.

Allenfalls in einem Punkt scheint sich die Politik einig: Radioaktiver Atommüll aus Kernkraftwerken muss im eigenen Land entsorgt werden. Ein Export ist für alle Parteien tabu. Dennoch birgt die Frage, wohin mit dem nuklearen Abfall, einen schon seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt.

Niedersachsen steckt dabei in einem besonderen Dilemma: Das nördliche Bundesland - besonders reich an Salzstöcken - trägt mit gleich mehreren Entsorgungs-Projekten die größten Lasten aus der umstrittenen Nutzung der Atomenergie in Deutschland.

Ministerpräsident David McAllister (CDU) schielt jetzt vor allem auf einen finanziellen Ausgleich für das Bundesland. Auch der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) betont, die Landesregierung setze sich intensiv dafür ein, dass diese Zusage der Bundesregierung zügig realisiert werde. Um wie viel Geld es gehen soll, war bislang aber unklar.

Die Opposition fordert Regierungschef McAllister dagegen auf, er müsse sich klar gegen ein Endlager im Salzstock in Gorleben (Kreis Lüchow-Dannenberg) stellen. Die Christdemokraten in Hannover reagieren aber stattdessen vor allem auf forsche Töne aus Süddeutschland. Parteifreunde in Bayern oder Baden-Württemberg, die sich allzu deutlich schon auf Gorleben festlegen wollen, bekommen brüsk zur Antwort, sie sollten sich in ihren eigenen Ländern nach geeigneten Endlager-Standorten umsehen.

Klagewellen und schwere Pannen im Umgang mit den strahlenden Stoffen schüren immer neues Misstrauen bei den Bürgern in Niedersachsen. «Die Bevölkerung lässt sich in der Atomfrage nicht mehr einlullen», hatte die Bürgerinitiative im Wendland kritisiert. Klar ist, dass vor allem der hoch radioaktive Abfall erst einmal zum Abkühlen gelagert werden muss, bevor er dauerhaft unter der Erde entsorgt werden kann. Ein zentraler Ort dafür ist das Zwischenlager Gorleben im niedersächsischen Wendland.

Dort soll am ersten November-Wochenende der zwölfte Castor- Transport mit verglastem Atommüll eintreffen - trotz des breiten Protests von Atomkraftgegnern, Politikern, Kirchen und Gewerkschaften. Mehr als 10 000 Polizisten allein in Niedersachsen sollen die brisante Fracht sichern.