Gorleben (dpa) - Der Castor-Protest im Wendland geht quer durch alle Schichten. Der 12. Transport bewegt die Menschen besonders, da sie eine Vorentscheidung für ein Endlager in Gorleben befürchten. Vom Manager bis zur Bäuerin wollen sie Schwarz-Gelb die Rote Karte zeigen.

Am silbernen Mercedes im Firmenhof von Remo Röntgen klebt ein unscheinbarer Aufkleber: «Republik Freies Wendland». Der international agierende Textilunternehmer mit 140 Angestellten sieht nicht wie der typische Widerstandskämpfer aus, hält aber auch nicht hinter dem Berg mit seiner Meinung. «Ich und meine Geschwister, wir haben alle schon den Knüppel bei Castor-Transporten gespürt», erzählt er im lichtdurchfluteten Saal des schicken Sitzes von Nya Nordiska in Dannenberg. «Und nachts im Gleisbett gefroren.»

Der 44-jährige Manager zeigt, wie vielschichtig der Protest gegen den Castor-Transport und ein mögliches Endlager in Gorleben ist. Die Bürger haben hier ein starkes Kreuz und hoffen, dass sich viele Menschen auch von außerhalb - ähnlich wie beim Bahnprojekt Stuttgart 21 - mit ihnen solidarisch zeigen. Zwischen dem 6. und 8. November wird der 12. Castor-Transport im Wendland erwartet. Das Problem: Hier geht es nicht um einen Bahnhof, sondern um hoch radioaktiven Atommüll, den will bei aller Solidarität kaum jemand in seiner Nähe haben.

Röntgens Mutter Diete Hansl betont: «Ich werde auch demonstrieren gehen, aber nicht in der Schusslinie.» Ihre Tür will die adrette Frau für Demonstranten öffnen. Nach 30 Jahren sei das Misstrauen in der Region sehr groß, ob Gorleben als Endlager geeignet sein könnte. Ihr Sohn findet eine europäische Lösung für ein Endlager sinnvoll, am besten in einer unbewohnten Region. Beide eint die Sorge, dass die Bundesregierung angesichts der 33 Jahre dauernden Diskussion und mangels Alternativen Gorleben durchdrücken will - auch die Atomindustrie macht Druck, weil sie 1,5 Milliarden Euro investiert hat und ungern weitere Milliarden für eine neue Suche ausgeben will.

1976 kam Röntgens Familie aus Düsseldorf ins Wendland, das damals im Zonenrandgebiet zur DDR lag. Die weiten Elbauen, rote Ziegelsteinhäuser, Bauernhöfe, eine Gegend voll schöner Natur. Wäre da nicht dieser Salzstock, der kurze Zeit nach dem Zuzug der Röntgens von der Politik für gut befunden wurde, hoch radioaktiven Atommüll aufzunehmen. «Es war ein Teil der Gorleben-Entscheidung, dass man den Müll dort platziert, wo kaum Menschen leben», sagt der Mann mit der markanten schwarzen Brille.

In Röntgens Familienunternehmen werden preisgekrönte Stoffdesigns entworfen, im Regal steht der Designpreis der Bundesrepublik in Silber. Wenn der Castor nun zum 12. Mal nach Gorleben rollt, wird Röntgen wieder eine der größten Protestfahnen des Landkreises an der Fassade aufhängen, mit schwarzem Kreuz auf gelbem Untergrund. Und Stoff verschenken, damit möglichst viele Anti-Castor-Fahnen aufgehängt werden können. Und wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen, weil viele Mitarbeiter wegen der Sperren nicht zur Arbeit kommen können. Er selbst kann dann auch kaum arbeiten, weil «man nicht mit London telefonieren kann, wenn ständig über dem Dach die Hubschrauber knattern».

Die Bahngleise in Dannenberg sind bereits mit Stacheldraht abgesperrt, überall ist Polizei. Mindestens 16 500 Polizisten sollen die elf Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll abschirmen, die in der Umladestation auf Tieflader verladen werden. Von hier werden sie 20 Kilometer auf schmalen Straßen zum Zwischenlager rollen, einem Wellblechpalast, der im Volksmund auch Kartoffelscheune heißt. Ganz in der Nähe könnte im Salzstock in hunderten Metern Tiefe der gesamte hoch radioaktive Atommüll Deutschlands für immer weggeschlossen werden. Durch die Laufzeitverlängerung um im Schnitt 12 Jahre wird sich die Menge um 4400 auf 21 600 Tonnen erhöhen.