Marbach am Neckar (dpa) - Retrospektive auf einen «Jahrhundertautor»: Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Schriftsteller Martin Walser haben in Marbach am Neckar eine Ausstellung über Ernst Jünger eröffnet. Walser bekannte sich in seiner Rede im Deutschen Literaturarchiv als späten Anhänger des 1998 gestorbenen Autors.

Dass er Jünger lange wenig beachtet habe, «ist mein größtes Versäumnis geworden und geblieben», sagte Walser. Das Werk von Jünger sei ihm erst vor wenigen Monaten beim Lesen einer Biografie wesentlich nähergekommen. Jünger war 1998 mit 102 Jahren gestorben. 280 seiner Manuskripte und Tagebücher sind in der Ausstellung «Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund» bis März 2011 im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zu sehen.

Der 83 Jahre alte Walser zeigte sich am Sonntag bewegt von der Sprachkraft Jüngers, die ihn in Werken wie «Das abenteuerliche Herz» (1929) an Kafka erinnert habe. Zu Lebzeiten Jüngers hätten er und der ältere Kollege einander kaum beachtet. 1964 seien sie sich bei einer Feier in Biberach begegnet. Sie hätten gegenüber gesessen, sich aber nichts zu sagen gehabt. Das sei im Nachhinein bedauerlich gewesen, sagte Walser.

Als Autor der «Stahlgewitter» (1920) sei Jünger als emotionsloser «Chronist des Schreckens» oder «Propagandist eines Männlichkeitswahns» beschrieben worden, sagte Walser. Bei genauem Lesen sei aber auch das Bild eines Mannes zu erkennen, der nach dem Tod von Kameraden weinend zusammenbrach.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagte bei der Ausstellungs-Eröffnungsfeier, der «Jahrhundertautor» Jünger habe die Umbrüche und Katastrophen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert mit bestechender sprachlicher Präzision beschrieben. Er sei aber auch umstritten gewesen, sagte Neumann mit Blick auf Jüngers Zeit als Antidemokrat in der Weimarer Republik.

Das Literaturarchiv Marbach verwaltet den literarischen Nachlass des ebenso gefeierten wie geschmähten deutschen Autors. Zum Nachlass zählen auch 170 Kisten mit zehntausenden Briefen und Karten des «Papierkriegers» Jünger. Die Schau von Schriftstücken wird mit rund 300 Fotos oder Käferkisten des passionierten Insektenforschers Jünger aufgelockert.

Ein zerschossener Stahlhelm, in dem der Soldat Jünger im Ersten Weltkrieg nur knapp dem Tod entging, steht am Eingang der Ausstellung. Dieses und andere Exponate kommen aus dem Jünger-Haus in Wilflingen bei Biberach, in dem der Autor die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte. Die dortige Gedenkstätte wurde dieses Jahr wegen maroden Zustands saniert. Wiedereröffnung ist im März 2011.