Düsseldorf (dpa) - Bei den deutschen Stahlkochern herrscht noch Feierlaune, doch Experten warnen bereits vor neuen Risiken für die Traditionsindustrie. Nach der tiefsten Krise der Nachkriegszeit hatte die Branche in diesem Jahr eine kräftige Aufholjagd gestartet.

Inzwischen rechnet sie mit einem Produktionswachstum von 35 Prozent auf knapp 44 Milliarden Tonnen Rohstahl. Damit würde sie schon wieder fast das Vorkrisenniveau von 2008 erreichen. Damals hatte die Produktion bei 45,8 Millionen Tonnen gelegen, nach 48,5 Millionen Tonnen im Jahr 2007.

Mit einer Kapazitätsauslastung von 83 Prozent arbeiten die Hochöfen in Deutschland längst wieder unter Hochdruck. Damit koppelt sich die deutsche Stahlbranche dank des Booms im Maschinen- und Autobau auch von der globalen Entwicklung ab. Weltweit liegt die Auslastung gerade einmal bei 72 Prozent. Im Krisenjahr 2009 hatten hierzulande vielerorts stillgelegte Anlagen die Auslastung auf nur noch 62 Prozent sinken lassen, teilweise lag sie unter 50 Prozent. Bei den Stahl-Beschäftigten waren damals 3000 der 95 000 Stellen gestrichen worden.

Beim Blick in die Zukunft gab sich Stahl-Präsident Hans Jürgen Kerkhoff am Montag in Düsseldorf optimistisch: «Unser Blick nach vorne ist von Zuversicht geprägt.» Auch im kommenden Jahr rechne der Verband mit Wachstum - auch wenn es wegen der inzwischen schon hohen Auslastung nicht mehr so schnell nach oben gehen werden.

Wirtschaftsfachleute wie der Konjunkturexperte des Rheinisch- Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, sehen die Lage dagegen deutlich skeptischer. «Die erste Euphorie ist vorbei», sagte Döhrn am Montag in Essen. Nach Einschätzung des Essener Stahl-Experten gerät die Branche derzeit bereits wieder unter Druck. Hintergrund seien unter anderem steigende Kosten durch dramatisch gestiegene Rohstoffpreise. Für das kommende Jahr rechnet Döhrn daher allenfalls mit einer Stagnation in der Stahl-Branche.

Skeptische Töne gibt es auch aus der Branche. Der Chef des Duisburger Stahlhandelskonzern Klöckner & Co, Gisbert Rühl, hatte bereits Anfang Oktober durchblicken lassen, dass das dritte Quartal schlechter als das zweite Jahresviertel gelaufen sei. Der Manager warnte bereits in der ersten Jahreshälfte davor, dass viele Stahlhersteller ihre Kapazitäten nach dem Ende der Wirtschaftskrise zu schnell wieder hochgefahren hätten. Damit habe der tatsächliche Stahlverbrauch in Europa und Nordamerika nicht mithalten können. Das habe die Preise in der Zwischenzeit unter Druck gesetzt.

Der größte deutsche Stahlhersteller ThyssenKrupp - im vergangenen Jahr tief in die roten Zahlen gerutscht - profitiert hingegen voll von der positiven Entwicklung in Deutschland. Beobachter rechnen mit einen hohen Gewinn, wenn das Unternehmen Ende November seine Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2009/2010 vorlegt. Der Ruhrkonzern profitierte schon in den vergangenen Quartalen vom Aufschwung der deutschen Wirtschaft. Dabei zahlt sich nun aus, was ThyssenKrupp in der Wirtschaftskrise zum großen Problem wurde: die Konzentration auf den Maschinen- und Autobau.