Freiburg (dpa) - Swetlana Geier übersetzte die Werke der russischen Literatur-Größen ins Deutsche. Nun ist die in Kiew geborene Schriftstellerin und Übersetzerin gestorben - mit 87. Ihr Credo: «Das Wahre ist das Ganze.»

Swetlana Geier widmete ihr Leben der Literatur. Mehr als ein halbes Jahrhundert übersetzte sie russische Literatur ins Deutsche, vielfach wurde sie dafür ausgezeichnet. In den vergangenen zwei Jahrzehnten konzentrierte sie sich auf die Romane des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski (1821-81), ihres Lieblingsautors. Er war der letzte Schriftsteller, den sie mit ihrem Wirken begleitete. Bis zuletzt hatte Geier an einer Dostojewski-Übersetzung des Buchs «Aufzeichnungen aus einem Totenhaus» gearbeitet.

Geboren wurde Geier in Kiew. Russisch war ihre Heimatsprache, Deutsch lernte sie schon früh. Auf die behütete Kindheit in der frühen Sowjetzeit folgte der politische Terror unter Diktator Josef Stalin. Ihr Vater wurde verhaftet. Zwar kam er nach 18 Monaten frei, doch er starb an den Folgen der Haft.

1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion, Kiew wurde besetzt. Mit ihren Deutschkenntnissen arbeitete die Abiturientin Swetlana bei einer deutschen Baufirma. Als die Rote Armee wieder vorrückte und die deutsche Wehrmacht floh, wurden die sprachbegabte junge Frau und ihre Mutter mit nach Deutschland genommen. Zunächst fanden sie sich in einem Lager für Ostarbeiter wieder. 1944 bekam Swetlana einen Studienplatz in Freiburg. Auch die Mutter lebte bis zu ihrem Tod dort.

Swetlana Geier nahm sich als Übersetzerin der Schwergewichte der Literatur an. Dostojewski stand für sie im Mittelpunkt. Zudem übersetzte sie Literatur unter anderem von Leo Tolstoi (1828-1910), Iwan Bunin (1870-1953), Michail Bulgakow (1891-1940), Alexander Puschkin (1799-1837) und Nikolai Gogol (1809-1852) sowie mehrere Romane von Alexander Solschenizyn (1918-2008).

Geiers Arbeitsweise war ungewöhnlich. «Nase hoch beim Übersetzen», hatte bereits eine frühe Deutschlehrerin in Kiew die kleine Swetlana gelehrt. Soll heißen: Nicht am Text kleben, «nicht wie eine Gottesanbeterin von links nach rechts an der Zeile entlangkriechen», sondern den gesamten Text im Blick haben. «Das Wahre ist das Ganze», sagte Geier. Also memorierte sie die zu übersetzenden Werke, lernte vielhundertseitige Romane nahezu auswendig.

«Jeden Abend schlage ich nochmals die fünf bis zehn Seiten auf, die ich am nächsten Tag diktieren werde», beschrieb sie ihre Vorgehensweise. Sie scheute sich nicht, altbekannte Titel neu zu definieren und andere Titel zu wählen. Aus «Schuld und Sühne» machte Geier in ihren preisgekrönten Übersetzungen «Verbrechen und Strafe», die «Dämonen» wurden «Böse Geister».