Gorleben (dpa) - Natürlich kam er nicht. Nach der 19-stündigen Schienenblockade von tausenden Demonstranten forderte Jochen Stay, einer der Köpfe der Anti-Atom-Bewegung, Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) müsse sofort ins Wendland kommen. Der massive Castor- Protest zeige, so gehe es nicht weiter. Doch Röttgen ließ aus Berlin nur ausrichten, er werde noch dieses Jahr erscheinen.

Er, der angesichts von Stuttgart 21 eine Sprachlosigkeit der Politik gegenüber den Bürgern kritisiert, wird Worte finden müssen, wie es nun in Gorleben weitergehen soll. Gerade weil der Protest sich nicht einfach kriminalisieren lässt, betonen die Castor-Gegner.

Zwar gab es heftige Ausschreitungen am Sonntagmorgen durch zugereiste Autonome, aber angesichts der friedlichen Gleisblockade spricht Stay von «einer Sternstunde» des gewaltfreien Widerstands und soviel Unterstützung wie nie für die Wendländer.

Einmal mehr hat der Castor offenbart, dass die ungelöste Atommüll- Entsorgung das größte Problem der Kernenergie ist. Der Staat kommt hier an seine Grenzen - so viel bürgerlicher Widerstand lässt sich nicht einfach ignorieren. Mit jedem weiteren Castor, der ins Zwischenlager nach Gorleben kommt, sehen die Wendländer ein weiteres Faktum dafür, dass der Atommüll am Ende auch in ihrer Erde vergraben wird. Der Salzstock liegt nur ein paar hundert Meter entfernt vom oberirdischen Zwischenlager.

Rebecca Harms, Europaabgeordnete der Grünen und im Wendland verwurzelt, kennt wie kaum eine zweite die 33 Jahre währende Debatte um ein mögliches Endlager in Gorleben. Sie sieht müde aus am Montag. Tags zuvor war sie von 8 morgens bis 3.30 in der Nacht im Wald unterwegs, um die Castor-Proteste an den Schienen zu beobachten.

Es ist ungewöhnlich, dass ausgerechnet Demonstranten wie Harms den Polizeieinsatz bei der Räumung der Rekordblockade im Gleisbett loben. Sie bricht eine Lanze für die Beamten, die bis zu 40 Stunden im Einsatz gewesen seien. Nur bei den Ausschreitungen der Autonomen seien die Beamten wahllos auch gegen die große gewaltfreie Mehrheit der Castor-Gegner vorgegangen.

Die ausufernden Strapazen für die Polizisten und die Kosten des Einsatzes - von bis zu 50 Millionen Euro ist die Rede - dürften auch eine Debatte über den Sinn der Castor-Transporte nach Gorleben auslösen. Die Kostenexplosion war ein Ziel der Demonstranten, damit Bewegung in die Debatte kommt.