Oslo (dpa) - Weitsichtige Vernunft und sanfte Wärme gegen Kälte und Brutalität der Macht. Das war die Botschaft aus Oslo an Peking, als am Freitag der Friedensnobelpreis ohne den in China inhaftierten Preisträger Liu Xiabo vergeben wurde.

«Ich habe keine Feinde, keinen Hass», hörten die Zuhörer am Freitag im Rathaus der norwegischen Hauptstadt aus einem Liu-Text, den die Schauspielerin Liv Ullmann vorlas. Der Bürgerrechtler hatte ihn selbst vor fast genau einem Jahr vor dem Gericht vorgetragen, das ihn zu elf Jahren Haft für die Forderung nach Demokratie und Meinungsfreiheit verurteilte.

Er sei optimistisch für sein Land, sagte der 54-Jährige damals weiter und äußerte sich lobend, voller Respekt und auch mit viel Wärme über diverse Fortschritte in seinem Land auf dem Weg zur Demokratie. Reformen und die Öffnung nach außen hätten «ein entspanntes Klima geschaffen».

Verblüfft und auch bewegt vernahmen das die Zuhörer, unter ihnen Norwegens König Harald V. Denn Lius Wort wollten so gar nicht zum Verhalten der chinesischen Führung seit der Entscheidung des Nobelkomitees im Oktober passen. Immer härter und brutaler hatte Peking gegen Norwegen als «Verursacherland» getobt, mindestens 15 Staaten einen Boykott der Verleihungszeremonie abgepresst und Lius Ehefrau sowie anderen Vertrauten die Reise nach Oslo verboten.

Am Ende zauberten die Machthaber in ihrer Wut auch noch einen «Alternativpreis» gegen die unliebsame Osloer Vergabe aus dem Hut. Genauso hatten es auch die deutschen Nationalsozialisten 1936 nach der Vergabe des Friedensnobelpreises an den Publizisten Carl von Ossietzky gemacht, dem vorher nach langer Haft wie Liu die Annahme des Preises in Oslo verboten worden war.

Thorbjörn Jagland, Chef des norwegischen Nobelkomitees, hütete sich davor, Schlüsse aus den verblüffenden Parallelen zwischen dem Streit um Ossietzky und den um Liu 74 Jahre später zu ziehen. «Man darf die chinesische Führung ganz bestimmt nicht mit den Nazis vergleichen.» In seiner Laudatio verlangte er ohne Wenn und Aber ein schnelles Ende der Haft für den ersten Träger des Friedensnobelpreises aus China: «Liu hat seine Menschenrechte wahrgenommen. Er hat nichts Unrechtes getan. Deshalb muss er freigelassen werden.»

Der sozialdemokratische Ex-Ministerpräsident präsentierte die Entscheidung seines Komitees ansonsten eher als Realpolitiker denn als moralischer Mahner. Chinas erfolgreicher Kampf gegen Armut und für wirtschaftlichen Fortschritt könne nur Bestand haben, wenn politische Reformen folgen: «Ohne Meinungsfreiheit werden sich Korruption, Machtmissbrauch und Misswirtschaft ausbreiten.»