Hamburg (dpa) - Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Bekanntheit erlangte sie 1980 mit ihrem Debütroman «Frau Mühlenbeck im Gehäus». Am 29. Dezember wird die Wahl-Hamburgerin 70 Jahre alt. Eigentlich fühlt sie sich aber viel jünger, sagte sie im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Frau Kronauer, erinnern Sie sich an Ihre literarischen Anfänge?

Kronauer: «Ich hatte als Kind eine furchtbare Schrift und musste darum zu Hause Schönschreibübungen machen. Ich konnte meinen Vater aber überreden, eigene Geschichten schreiben zu dürfen, statt Texte abschreiben zu müssen. So fing das an. Zudem habe ich früh Erwachsenenliteratur gelesen. Das meiste war mir ganz unverständlich. Dass man aber mit Sprache so umgehen konnte, hat mich fasziniert.»

Als Ihr erstes Buch «Der unvermeidliche Gang der Dinge» erschien, waren Sie 34 Jahre alt. Gefeierte Nachwuchsautoren sind heute oftmals sehr viel jünger. Macht Sie das misstrauisch?

Kronauer: «Es gibt natürlich immer Ausnahmen. Denken Sie an Schiller, der seine "Räuber" in jungen Jahren schrieb. Der Begriff des Genialen wird heute allerdings sehr leichtfertig benutzt. Bei den meisten sogenannten Ausnahmetalenten ändert sich das aber schon beim zweiten Buch: Oft wenden sich die Medien dann ab oder rächen sich gar für ihre frühere Begeisterung und führen einen dann aufs Schafott.»

Wie erklären Sie sich diesen Jubel-Kult?

Kronauer: «Es gibt die Tendenz, den "Sound der Jugend" vorschnell zu vergöttern, weil es sich um etwas Neues, Unverbrauchtes handelt. Ich kann verstehen, wenn müde, alt gewordene Männer der Literaturkritik den Blutgeruch des Lebens nochmals genießen wollen. Zum Anderen gibt es ein großes Gedrängel unter den Kritikern, wer der tollste Entdecker ist. Da werden Werke junger Autoren hochgejubelt, die bei näherer Betrachtung nicht sehr gehaltvoll sind.»