Ringenwalde (dpa) ­ Eigentlich wäre Huhn «Rudi» längst in irgendeinem Kochtopf gelandet. Dass es stattdessen in einer warmen Bauernstube noch immer munter vor sich hin gackert, hat es einzig der Schriftstellerin Karen Duve («Taxi») zu verdanken. Die rettete das Huhn mit Tierschützern bei einer «Befreiungsaktion» aus einem Massentierhaltungsbetrieb. «Rudi hing damals mit gebrochenem Bein kopfüber unter einem Metallrost», sagt Duve.

Auf ihrem Anwesen im brandenburgischen Ringenwalde päppelt die 49- Jährige das Federvieh nun liebevoll wieder auf. Angst vor dem Kochtopf muss Rudi kaum haben: Duve, die früher für Grillhähnchen schwärmte, isst neuerdings praktisch kein Fleisch mehr. «Mir gehts hervorragend damit», sagt die Schriftstellerin. Sie empfindet wegen ihrer früheren Essgewohnheiten Reue: Dass sie als Supermarktkundin überhaupt so lange Teil des «perversen» Umgangs mit Tieren gewesen sei, darüber ist sie «zutiefst beschämt».

Duves Entschluss vorangegangen war ein «Selbstversuch», den die gebürtige Hamburgerin in diesem Jahr unternahm. Es ging darum, die eigene Ernährungsweise in Zeiten von Industriefleisch und Analogkäse einmal gründlich zu hinterfragen und Alternativen auszuprobieren. Wie sich der Wandel vom Brathähnchen- zum Tofu-Esser im Detail anfühlte, beschreibt Duve schlüssig und unterhaltsam in ihrem neuen Buch «Anständig essen. Ein Selbstversuch».

Einfach fiel ihr der plötzliche Verzicht auf viele leckere Speisen allerdings nicht. «Ich habe ehrlich beschrieben, welch große Probleme ich hatte», sagt die Autorin, die es mit ihrem Roman «Taxi» 2008 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte.

Los ging es im vergangenen Januar. Von da an kamen Fleisch und andere tierische Produkte nur noch mit dem Bio-Siegel auf ihren Tisch. Im Frühling folgte eine vegetarische und im Sommer dann eine vegane Phase, also der komplette Verzicht auf tierische Produkte. Schließlich versuchte sich Duve noch als Frutarierin - sie ernährte sich ausschließlich von reifen Früchten, die die Natur freiwillig hergibt. Einen Salatkopf oder Mohrrüben etwa würde ein überzeugter Frutarier niemals aus der Erde reißen.

Hängengeblieben ist Duve bei ihrem Selbstversuch schließlich auf «halber Strecke zwischen Vegetarierin und Veganerin». Im Vergleich zu früher konsumiere sie heute 90 Prozent weniger Fleisch, Fisch und Milchprodukte, sagt sie. Der Verzicht auf Fleischprodukte aus der konventionellen Massentierhaltung scheint ihr das Wichtigste zu sein. «Irgendwo muss Schluss sein», sagt sie. «Dass Tiere durch zutiefst grausame Haltungsbedingungen gequält und auf barbarische Weise getötet werden, ist nicht hinnehmbar. Ein Verbrechen ist auch dann ein Verbrechen, wenn es alle tun.»

Also isst die Schriftstellerin, die auf ihrem Hof in der märkischen Schweiz auch Katzen, einen Maulesel, ein Pferd und andere Tiere hält, nun fast nur noch pflanzliche Produkte. Auch wenn sie ihr oft nicht ganz so gut schmeckten. Duve bleibt eisern: Eine Rückkehr zum Industriehähnchen für 1,99 Euro und anderen alten Gewohnheiten kommt aber nicht infrage. «Ich wollte ein Sachbuch schreiben, aber es ist ein Entwicklungsroman geworden. Meine ganze Sicht aufs Leben hat sich geändert», sagt Duve. Huhn «Rudi» wird deshalb nie im Kochtopf landen.