Berlin (dpa) - Sie waren der große Trend auf den internationalen Laufstegen: leuchtende, oft grelle Farben. In den Vorstellungen vieler Designer kleidet sich die Frau im kommenden Frühjahr und Sommer kunterbunt. Doch in der Realität wird allenfalls eine abgemilderte Fassung ankommen, meinen Fachleute. Sie sehen 2011 vielmehr einen smarteren und hochwertigen Look.

Als die Designer im Herbst ihre Knallfarben über die Laufstege schickten, waren die kommerziellen Messen längst gelaufen. Und dort dominierten eher Pastell- und Pudertöne, dämpft Silke Emig, Redakteurin der in Frankfurt/Main erscheinenden Fachzeitschrift «TextilWirtschaft», die Erwartung des ganz großen Farbrauschs in den Geschäften. Am ehesten sei dieser noch bei Ketten wie H&M oder Zara zu erwarten, die mit ihrer hohen Flexibilität in der Lage sind, rasch auf neue Strömungen zu reagieren.

Unter den leuchtenden Oberflächen offenbart sich eine andere, wichtige Tendenz für das neue Modejahr. Denn die kräftigen Farben der Frühjahr/Sommer-Kollektionen, wie etwa bei Jil Sander oder Max Mara, zeigen sich auf meist schlichten, prägnanten Silhouetten. Bereits 2010 setzten die klare Linie und die aufgeräumte Optik einen Gegenentwurf zu den dekorativen Themenfeldern. Ein guter Schnitt, ein hochwertiger Stoff sind heute wichtiger als das vielleicht 25. Detail auf einem Kleidungsstück, sagt Silke Emig. Mit Maxi-Röcken und ausgestellten Hosen kommt 2011 zudem mehr Weite in die Form.

Als Prototyp für ein reduziertes Modebild gilt die Kollektion des französischen Labels Céline. Dort entwirft die Engländern Phoebe Philo eine unkomplizierte, realistische und dennoch nie langweilige Garderobe, die weltweit Begeisterungsstürme entfacht. Beruflich erfolgreich und zweifache Mutter: Philo weiß aus eigener Erfahrung, wie sich moderne Frauen kleiden wollen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Diesen Anspruch setzt sie in ihrer Arbeit kompromisslos um.

Ist spießig das neue Cool? Eine Frage, die 2010 immer wieder gestellt wurde. Denn sowohl in der Damen- als auch in der Männermode fand eine Rückbesinnung auf Tradition und Klassik statt. Lange vergessene Kleidungsstücke tauchten wieder auf. Bei den Frauen waren dies zum Beispiel Hosenanzug und Kostüm. Doch die werden sich kaum durchsetzen. Denn die Frauen kombinieren gern individuell, meint Silke Emig. Dennoch bleibt das Thema Klassik, der etwas angezogenere Look, bis in den Herbst/Winter 2011 aktuell. Mit Elementen wie Blazer, Wollmantel, Rundhalspulli oder dem Comeback des Cord. Und auch die Chino - die bequeme, leichte Baumwollhose in Beigetönen - als Ersatz für die Jeans hat ihren Zenit noch längst nicht überschritten.

Männer dürfen sich darüber hinaus freuen, dass ihre Kleidung wieder deutlich maskuliner aussehen darf. Denn neben dem sehr starken Klassik-Trend mit Westen-Anzug, schmalen Wollhosen oder der Farbe Camel gibt es im kommenden Herbst/Winter viele robuste Stiefel, kernige Flanellhemden oder grobe Strickjacken. Etwas getrübt wird die Vorfreude auf die neue Mode allerdings von den vielerorts erwarteten höheren Preisen. Denn Baumwolle kostet so viel wie lange nicht, zudem steigen im wichtigen Produktionsstandort China die Löhne. Und diese Faktoren werden, so mutmaßt die Branche, Hersteller und Handel wohl nicht alleine stemmen können.