Berlin (dpa) - Twitter informiert. Twitter mobilisiert. Und Twitter polarisiert. Der Kurznachrichtendienst spielt im Konflikt um Wikileaks eine zentrale Rolle. «Hier laufen alle Fäden der Debatte zusammen», sagt der Münchener Social-Media-Experte Thomas Pfeiffer.

Dennoch hat die Internet-Plattform die Wikileaks-Unterstützer verärgert. Schon überlegen einige, ob nicht nur Mastercard und Visa, sondern auch Twitter attackiert werden sollte.

Der Ärger begann schon bald nach Veröffentlichung der ersten Wikileaks-Enthüllungen am 28. November. Alle Welt twitterte darüber - aber in den vielbeachteten «Twitter Trends» des Anbieters tauchte das Thema nicht auf. Pfeiffer, der gerade ein Buch über die Twitter-Community geschrieben hat, wollte der Sache auf den Grund gehen.

Mit den verfügbaren Daten ermittelte er die Häufigkeit der Wikileaks-Tweets zu verschiedenen Zeiten: Am Montag, als gerade die ersten Hinweise auf eine Festnahme von Wikileaks-Gründer Julian Assange auftauchten, wurden 1500 Tweets zu Wikileaks in 1179 Sekunden abgesetzt - oder alle 0,79 Sekunden ein Tweet.

Twitter erklärt, sein Algorithmus zur Erhebung der Trends erfasse mehrere Kriterien, darunter auch die Veränderung der Häufigkeit im zeitlichen Verlauf sowie inhaltliche Unterschiede. Dennoch meint Pfeiffer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, angesichts der ermittelten Werte müsste Wikileaks eigentlich klar unter den Top Ten sein. «Das ist alles in allem sehr suspekt. Entweder der Algorithmus tut nicht das, was er soll - oder jemand hat nachgeholfen.»

Zusätzlichen Ärger gab es in der Nacht zum Freitag, weil Twitter das Profil der «Anonymous»-Bewegung gesperrt hat, die sich zu Attacken auf mastercard.com und visa.com bekannt hatte - die Kreditkarten-Riesen hatten zuvor die Geschäftsbeziehungen zum Wikileaks-Projekt abgebrochen.

Die «Anonymous»-Leute richteten sofort ein neues Profil ein, mit leicht verändertem Namen, und sammelten innerhalb weniger Stunden mehrere tausend «Follower» um sich. Natürlich könnte Twitter auch dieses Profil sperren, erklärt Pfeiffer. Aber dann müsse das Unternehmen fürchten, sich den Zorn der Netzgemeinde zuzuziehen.