Erasmia (dpa) - Noch keinem Bundestrainer ist bei seiner ersten Weltmeisterschaft der ganz große Wurf gelungen - Joachim Löw hat dafür womöglich nur die eine Chance in Südafrika. Seit sechs Jahren arbeitet Löw an der Erneuerung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Erst als wichtigster Helfer von Jürgen Klinsmann, seit 2006 als sich immer mehr profilierender Chef: «Es ist für alle eine besondere Herausforderung und Anstrengung», erklärte der Bundestrainer zur Extremsituation WM, die für Löw mit dem ersten Spiel gegen Australien einsetzt. Was er dabei verdrängt: Nach dem Turnier könnte auch Schluss sein mit dem Bundestrainer Löw.

«Wie sie in Extremsituationen reagieren, muss man abwarten», sagte der DFB-Chefcoach zu seinem jungen Personal, mit dem er die Herausforderung gegen die stärksten Teams der Welt angeht. Wie er selbst reagiert, konnten die Begleiter in den vergangenen Wochen deutlich erkennen. Löw zeigt sich vor seinem 50. Länderspiel als Bundestrainer trotz der teilweise schockierenden Rückschläge wie dem WM-Ausfall von Michael Ballack nach außen hin locker und gelöst. Intern gibt er jedem seiner Mitarbeiter das Gefühl, dass die Mission am Kap nur als eingeschworene Truppe zu meistern ist. Und Löw demonstriert seine Unabhängigkeit: Er trifft die Entscheidungen, er zieht seinen Plan durch, er bestimmt die Regeln.

Schon jetzt steht Löw in der Liste der bisher zehn Bundestrainer und Teamchefs ganz oben, was die durchschnittliche Punkt-Ausbeute in den gecoachten Länderspielen betrifft. 34 Siege, acht Remis und nur sieben Niederlagen stehen auf seinem 49-Spiele-Konto. Mit 2,25 Punkten im Schnitt verweist er «Terrier» Berti Vogts auf Rang zwei (2,18). Die Weltmeister-Trainer Helmut Schön (2,10), Sepp Herberger (1,85) und Franz Beckenbauer (1,85) folgen abgeschlagen. Schön war beim WM-Sieg 1974 schon zehn Jahre im Amt; Herberger 1954 sogar 18 Jahre. Und auch «Kaiser» Beckenbauer gelang erst nach sechs Jahren als Teamchef bei der WM 1990 im zweiten Anlauf die Krönung.

«Irgendwann ist immer das erste Mal», sagte Beckenbauer nun in Südafrika zu Löws Chance, die Serie zu durchbrechen und schon beim ersten Versuch den WM-Thron zu besteigen. Vor zwei Jahren bei der EURO in der Schweiz und Österreich schrammte der Freiburger mit seinem Team als Vize-Champion knapp am Titel vorbei. Ob es für Löw einen neuen Anlauf auf die EM 2012 gibt, ist offen. Sein Vertrag läuft nach dem Turnier in Südafrika aus, eine Verlängerung war Anfang des Jahres mit viel Getöse, Vorwürfen und Vertrauensverlust geplatzt.

«Was nach der WM ist, interessiert mich im Moment nicht», erklärte Löw und wirkte über die Frage sogar ein wenig erschrocken. Seine berufliche Zukunft hat er seit einiger Zeit ausgeblendet: «Da haben Sie mich erst wieder daran erinnert.» Löw ist jetzt wieder ganz Fußball-Lehrer. Er schreitet im Training den Rasen ab, kontrolliert mit der Trillerpfeife um den Hals jedes aufgestellte Hütchen selbst. Seit vier Wochen trimmt er sein neues Team mit modernen Hilfsmitteln und Experten, um ein wettbewerbsfähiges Team in die WM zu schicken.

Löw setzt am Kap auf Begeisterung, aber auch auf Perfektion. Ob es mit der neuen, frischen Generation der Özil & Co. schon bei diesem Turnier klappt, bleibt die große Unbekannte. Den Zenit wird die Mannschaft wohl erst später erreichen. Natürlich lockt Löw die Aussicht, diese Entwicklung weiter zu begleiten. Doch erstens wird der sportliche Erfolg in Südafrika die Zukunft des Schwarzwälders mit beeinflussen. Und zweitens bleibt die Frage, ob der große Bruch mit dem Verband zum Jahresanfang tatsächlich zu kitten wäre.