Bonn (dpa) - Die Architektur ist meisterhaft: Acht Räume durchschreitet der Besucher der Ausstellung «Afghanistan. Gerettete Schätze», die die Bundeskunsthalle in Bonn seit Donnerstag bis zum 3. Oktober zeigt.

Vier davon sind hell gestaltet und voller Informationen über das Land und seine Geschichte. Vier sind dunkel und voller teils atemberaubender, durch Punktstrahler ins rechte Licht gerückter Kostbarkeiten. Über Jahrzehnte galten Afghanistans Schätze als verschollen. Die Welt glaubte, das Gold sei eingeschmolzen, die Kunstschätze auf dem Schwarzmarkt verkauft oder von den Taliban zerstört worden.

2004 aber, nach dem vorläufigen Ende der Talibanherrschaft tauchte der Schatz unversehrt wieder auf. Mitarbeiter des Nationalmuseums Kabul hatten ihn kurz vor dem Sturz der Kommunisten 1988 in den Depots der Zentralbank versteckt und so vor Zerstörung gerettet. Ihr entschlossenes Handeln und jahrelanges eisernes Schweigen haben es möglich gemacht, dass die Welt heute auf das blicken kann, was der Intendant der Bundeskunsthalle, Robert Fleck, als «kulturelle Wurzeln unserer Zeit» bezeichnet.

Jedem der vier Grabungsorte, aus denen die 230 gezeigten Objekte stammen, ist eine Abteilung der Ausstellung gewidmet. Den Anfang macht Tepe Fullol nahe der Siedlung Follol südlich der Stadt Baghlan. Dort entdeckten Bauern im Juni 1966 zufällig Gefäße aus Gold und Silber. Um sie untereinander aufzuteilen, zerhackten sie sie mit einem Beil. Die Behörden griffen kurz danach ein und so konnten fünf goldene und sieben silberne Gefäße gesichert und dem Nationalmuseum Kabul übergeben werden. Nach den Plünderungen sind von den fünf Goldgefäßen nur drei bisher wieder aufgetaucht. Sie bilden den Einstieg in die Ausstellung und führen in die Frühgeschichte des Landes, in die späte Bronzezeit 2200 bis 1900 vor Christus.

Afghanistan lag damals im Zentrum eines Nomadenimperiums von enormer Größe. Es erstreckte sich von Nordindien bis Zentralasien. Die gezeigten Gold-, Silber- und Elfenbeingegenstände sind Zeugen des Königreichs Baktrien, einer Zivilisation, die sich im antiken Afghanistan an den Schnittstellen der Kulturen entlang der Seidenstraße entfaltete. Es wurde zum Schmelztiegel der unterschiedlichsten kulturellen Strömungen aus Ost und West. Als Folge des Feldzuges Alexander des Großen um 330 vor Christus zogen mehr und mehr Griechen und Makedonier in die antike Kulturlandschaft, wo sie die baktrische Hochkultur mitbegründeten. So sind griechische, persische und indische Motive in vielen der gezeigten Exponate zu erkennen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die imposanten Goldfunde aus den sechs Gräbern in Tillya Tepe, die aus dem 1. Jahrhundert nach Christus stammen. Hier sei nur die goldene Krone genannt: Über den diademartigen Kopfreif erheben sich fünf Elemente, die Bäume darstellen. Das prachtvolle Kunstwerk lässt sich leicht auseinandernehmen, so dass die Nomaden die Krone bequem transportieren konnten. Solche Kronen waren in der griechischen und parthischen Kultur unbekannt. Vergleichbare Kronen tauchen im 5. bis 6. Jahrhundert in den Tumulus-Gräbern des Sila- Reiches im Südosten Koreas auf.

Erstmals wurde die Ausstellung 2006 in Paris gezeigt. Seitdem ist ist sie auf Reisen. Nach Museen in Turin und Amsterdam folgten Ausstellungen in Washington DC, San Francisco, Houston und Ottawa. Wann die Kunstschätze nach Kabul ins Museum zurückkehren werden, ist angesichts der politischen Lage ungewiss.